Nachrichten Münster
Aufbruch in die Moderne

Samstag, 11.04.2009, 19:04 Uhr

Münster - „Kenn ich auch nicht“, soll der münsterische Kaufmann Leo Wiedemann 1931 auf die Frage eines Passanten geantwortet haben, ob er den „Spinner“ kennt, der „dieses Haus“ erbaut hat. Das war gelogen: Leo Wiedemann selbst hatte das seltsame Gebäude an der Münzstraße - mit flachem Dach, außergewöhnlichen Fenstern und Rundungen, wo eigentlich Ecken sein müssten - in Auftrag gegeben. Damit war die Moderne in Münster angekommen, doch es gab nicht wenige, die sie nur allzu gerne wieder dorthin zurückgeschickt hätten, wo sie herkam: nach Dessau , zum Bauhaus .

90 Jahre liegt die Gründung der Kunstschule, die zum Inbegriff für die Avantgarde werden sollte, in diesem Jahr zurück. Bis ihre architektonischen Ideen den Weg nach Münster fanden, sollte es allerdings noch einige Jahre dauern. Erst in der zweiten Hälfte der Zwanziger entstanden hier die ersten Gebäude, die sich den Prinzipien der „Neuen Sachlichkeit“ verpflichteten. Sie stießen zum Teil auf heftigen Widerstand - „weil sie sich von der traditionellen Stadtarchitektur abwandten“, wie Stadtdenkmalpfleger Gunnar Pick vermutet. Weiße Wände statt roter Ziegel oder Sandstein, Flachdach statt Giebeldach: „So etwas wurde in Münster nicht geschätzt“, so Pick. „Das entsprach nicht dem Münster-Stil - was immer das überhaupt ist.“

Dennoch wäre Münster fast zu einer Bauhaus-Siedlung gekommen. Auf der Sentruper Höhe sollte ein Quartier so ganz nach dem Geschmack der neuen, avantgardistischen Künstler entstehen. Doch die Verwaltung bekam kalte Füße, „fast nichts wurde realisiert, und wenn, dann nur mit Spitzdach“, berichtet Pick.

Dennoch: Es wurden Bauhaus-Gebäude errichtet, und nicht wenige existieren heute noch. Leo Wiedemanns Wohnhaus an der Münzstraße ist das wohl herausragendste Beispiel für Bauhaus-Architektur in Münster (errichtet 1931). Das Wohnhaus Ostmarkstraße 82 (1931), mit kubistischen Formen, Flachdach und Fensterbändern. Das Atelier von Prof. Gutermann (Studtstr. 31, 1928), geplant von einem Architekten, der 1913 in der späteren Bauhaus-Stadt Dessau wohnte, und das Atelier von Bernhard Bröker (Maximilianstr. 7a, 1933), versteckt im Hinterhof gelegen.

Allesamt Glanzstücke der modernen Architektur, allein, die Zeitgenossen sahen das anders. Geistkirche und Geistschule stießen Anfang 1930 auf großes Unverständnis bei vielen Münsteranern, „dass sie fast wie Industriegebäude aussahen, sorgte für große Empörung“, berichtet Pick.

Doch es gab auch andere Stimmen. In einem Zeitungsbericht aus den 1930er Jahren graust es den Autor zwar, wenn er von „zahllosen Experimenten“ in anderen Städten berichtet, von denen Münster zum Glück „verschont“ geblieben sei. Doch gleichzeitig zeigt er Sympathie für die Bauten der „Neue Sachlichkeit“ in Münster: „Im ganzen gesehen eine wirkungsvolle Belebung des Stadtbildes, die als Charakteristikum der Zeit ihren besonderen Wert erhält.“

Wilhelm Strupp dürfte das mit Genugtuung gelesen haben - war er es doch, der das Wohnhaus von Leo Wiedemann an der Münzstraße einst geplant hatte. Sein Name ist nur Experten bekannt, sein einzigartiges Haus kennt heute fast jeder Münsteraner.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/375356?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597181%2F696365%2F
Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote
Interview: 100 Jahre Frauenwahlrecht: Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote
Nachrichten-Ticker