Hochschule Münster
Die Exotik des Plusquamperfekts

Dienstag, 26.05.2009, 13:57 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 26.05.2009, 13:57 Uhr

Münster - Mit den Klischees ist das so eine Sache: Manche stimmen, manche nicht. Für Lu Jingyi und Cheng Ya sind einige Vorurteile, die in ihrer chinesischen Heimat gegenüber dem Deutschen bestehen, durchaus wahr. Die beiden Studentinnen aus Xian, der Metropole im Nordwesten Chinas, studieren seit fünf Jahren hart die deutsche Sprache. Hart in doppelter Hinsicht: „Für Chinesen ist es wirklich hart, deutsch zu lernen“, sagt Cheng Ya. Und für ihre Ohren klingt es auch genauso so hart, wie es von Ausländern über die Sprache Goethes und Schillers behauptet wird. Seit dem vergangenen Herbst studieren Lu Jingyi (24) und Cheng Ya (23) das Deutsche vor Ort - in Münster am germanistischen Institut der Universität. Die Germanisten pflegen eine Institutspartnerschaft mit der „Xian International Studies University“.

Dort haben die beiden jungen Frauen bereits ihren Bachelor in Deutsch bestanden - nach ziemlichen Mühen, wie die beiden freimütig gestehen. „Es ist nicht nur das Errrr“, sagt Lu Jingyi und spricht den schwierigen Vokal, den angeblich kaum ein Chinese unfallfrei über die Lippen bringt sehr korrekt mit hörbaren Rollen aus. Wenn Chinesen deutsch sprechen, dann stolpern sie auch über so leichte Silben wie „an“, erzählt die Studentin.

Für Chinesen, die die eigene Sprache mehr singen als sprechen, klingt demnach auch ein Goethe-Gedicht vorgelesen kaum anders als die Gebrauchsanweisung einer Waschmaschine. Selbst deutsch sprechen zu lernen, heißt in einem anderen System denken zu lernen. Im Chinesischen gibt es keine unterschiedlichen Zeiten, keine Beugung von Adjektiven, keine Konjugation „Wir sagen das meiste durch die Betonung“, erklärt Cheng Ya. Wenn die beiden Studentinnen aber auf Deutsch ins Erzählen kommen, zeigen sie, dass sie in Sachen Grammatik bei der schweren, harten Sprache alles gelernt haben.

Prof. Dr. Susanne Günthner nickt zustimmend. Sie ist vor kurzem aus Xian zurückgekehrt, wo sie chinesische Studenten unterrichtet und geforscht hat. Günthner kann selbst Chinesisch. Wie fremd sich deutsche und chinesische Klänge gegenüberstehen, erfährt sie regelmäßig, etwa beim Taxifahren: Das heißt in China „tschtsutschötschuk“, bestätigen Cheng Ya und Lu Jingyi. Auch der Professorin kommt der Silbensalat nur schwer über die Lippen.

Die vielen Fahrradfahrer in Münster lassen bei den beiden Chinesinnen keine Heimatgefühle aufkommen. Sie fahren hier Bus, wie daheim in Xian auch. Dass an der Uni Münster die Lehrveranstaltungen oft sehr voll sind, finden Cheng Ya und Lu Jingyi nicht besonders schlimm. Unangenehmer sind für die beiden die Sonntage in Münster. „Es ist dann alles so ausgestorben hier“, finden sie. Ein Grund, sich auf die Rückkehr nach Hause im Sommer zu freuen. Dann steht noch ein Jahr Studium an, bevor die beiden selbst junge Chinesen mit Konjugation, Plusquamperfekt und dem „Errr“ malträtieren dürfen. Das Berufsziel ist nach der Schufterei mit der exotischen Sprache klar: „Wir werden Deutschlehrerinnen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/370163?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597181%2F597549%2F
Nachrichten-Ticker