Kultur Münster
Banale Dinge als „Reling der Welt“

Mittwoch, 04.11.2009, 19:31 Uhr

Münster - Die Oberfläche des Textes wirkt seltsam glatt. Doch manchmal scheint sie sich zu kräuseln, als bewegten sich Schatten in der Tiefe, düstere Schemen, die verborgen unter dem Text ihr Unwesen treiben - ohne jedoch je an die Oberfläche zu gelangen. Judith Hermann las in der Stadtbücherei aus ihrem aktuellen Buch „Alice“. Ein Roman ist es nicht, was sie vorgelegt hat, eher eine Sammlung, und doch sind die fünf Geschichten aus „Alice“ eigentümlich miteinander verbunden.

Sie alle handeln von der Verlusterfahrung, vom Tod eines nahe stehenden Menschen. Mehr noch, sie erzählen vom existenziellen Schrecken, der Erschütterung, dass die Außenwelt weiterhin Bestand hat, während einem selbst gerade alles unter den Händen zu zersplittern scheint. Was Hermann schreibt, liest sich wie moderner Impressionismus: Das Schlimme, fast Unaussprechliche, Existenzielle wird durchbrochen von Reihungen. Aneinanderreihungen banalster Gegenstände, simpelster Beobachtungen. Kein Wunder, versteht Hermann die Sprache doch als ein Ins­trument, das Halt geben kann; diese kleinen Dinge als die „ Reling der Welt“, wie sie sagt.

Eingeladen zur Lesung hatte der Literaturverein. Mit großer Resonanz: Die Lesung war ausverkauft, alle Stühle besetzt, der Raum in der Stadtbücherei proppenvoll. Um acht Uhr unterbrach das Klackern schwerer Stiefel die Gespräche, Judith Hermann betrat den Raum, augenblicklich brandete Beifall auf. Hermann las die zweite Geschichte ihres Buches, „Konrad“, mit viel Gefühl für den Text: Sie las, wie man den Text lesen muss, damit er wirkt: Atmosphärisch, dicht, gelassen, beinahe beiläufig, und doch mit einem Funken Spannung, einem Vibrieren in der Stimme.

Auch hier: Seltsam glatt, nicht greifbar, doch unter diesem Nichts tut sich ein doppelter Boden auf, der nicht näher benannt wird. Mit Absicht: „Wenn ich schreibe, sage ich mir immer wieder: Weniger ist mehr. Weniger ist mehr. Weniger ist mehr“, verriert Hermann.

Und so lasse sie alles aus, was der Leser mit eigenen Erfahrungen füllen könne, schaffe bewusst Leerstellen. Wenn sie schreibe, befinde sie sich in einem „dämmerartigen Zustand“, erzählte Hermann. Alles blende sie dann aus, „um nicht die Zuversicht zu verlieren“.

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