Nachrichten Münster
Ein Priester auf Reisen in die DDR: Böckers Stasi-Protokolle

Dienstag, 10.11.2009, 06:11 Uhr

Münster - Hier schreibt die Stasi: „Am heutigen Dienstag reiste der BRD-Bürger Böcker , Walter, mit dem Leihfahrzeug B - P - 5547 in die Hauptstadt der DDR ein. Zur Kontrolle führte er folgende Gegenstände vor: 1 Priestergewand, 4 Priesterstolen, verschiedene Farben, 10 Türfeststeller, 1 automat. Türschließer, 4 St. Übergardinen.“

Wahrscheinlich könnte sich Walter Böcker gar nicht mehr an die Übergardinen und Türschließer erinnern, wenn der ostdeutsche Staatssicherheitsdienst nicht so pingelig gewesen wäre. Münsters Dompfarrer schiebt ein Dutzend Kopien auf den Tisch, eng beschrieben, manches geschwärzt: „Bei denen habe ich viele Verhöre gehabt - im Laufe der Zeit.“ Am Tag des Mauerfalls erinnert sich Böcker an die dunklen Seiten der DDR. Die Stasi-Akten auf dem Tisch sind nicht seine eigenen, sondern die des ehemaligen Pfarrers Klaus Schmitz aus Teterow in Mecklenburg. 1973 reiste Böcker in christlicher Mission häufig in die DDR. „Und weil das nur für Verwandtenbesuche möglich war“, lacht er heute, „habe ich einen Neffen bekommen.“

Der Neffe war Schmitz. „Dessen Mutter Maria“, rekapituliert Böcker die gefälschte Verwandtschaftslinie „war die Schwester meiner Frau.“ Und das Zölibat? Ganz egal, denn natürlich gab es diese Frau nicht. Und der innerdeutsche Reisende war auch nicht jener Psychologe an der münsterischen Raphaelsklinik, als der er sich ausgab.

Laut Stasi-Protokoll kamen zwar manche Zweifel auf. Aber die zerstreute Böcker. Als ihn Grenzer aushorchten, woher denn das kunstvoll gestickte Priestergewand stamme, das er im Koffer hatte, musste seine Frau ran: „Die ist Mitglied in einer Paramentengruppe“, log der Geistliche. Notlüge für die gute Sache.

Denn in den 22 Jahren, in denen Böcker in verschiedenen Funktionen den Austausch mit katholischen Gemeinden in der DDR pflegte, leistete er Aufbauarbeit. Mal war sein Auto mit Büchern gespickt. Sie steckten im Futter der Sitze. Mal verschob er mit Kollegen eine ganze Orgel in den Osten. „Deklariert als Heizungsrohre“, sagt Böcker. Panne am Rand: Einer von drei Transporten kam klasse durch, aber dann nahm der Fahrer die Pfeifen wieder mit.

Am Anfang seiner Reisen fuhr die Angst mit, „richtige Angst“. Später waren sie Routine, man machte sich sogar lustig über die Grenzer.

Allerdings erlebte Böcker auch echte Schreckminuten. Als er einmal mit DDR-Münzen und einer Geburtsurkunde erwischt wurde, musste er sich nackt ausziehen. Leibesvisitation. Das war wirklich erniedrigend für den damaligen Probst von Xanten.

„Herr Böcker machte einen sehr ruhigen Eindruck“, heißt es im Stasi-Protokoll eines Verhörs, „und war nicht sehr gesprächig.“ Irgendwie schwante dem Stasi-Mitarbeiter, dass der Mann doch kein Psychologe, „sondern ein kirchlicher Angestellter“ war.

Aber, auch wenn es an dem „Neffen“ Zweifel gab - er bekam sein Messgewand. Nur die Türöffner und die Übergardinen ließen die Grenzer nicht durch.

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