Nachrichten Münster
Die „Scheinheilige Nacht“: Weihnachtsfeier der Einsamen

Mittwoch, 23.12.2009, 22:12 Uhr

Münster - Sie gehört inzwischen zur münsterischen Weihnacht wie Lebkuchen und Zimtsterne, vielen Menschen in der Stadt würde ohne sie etwas fehlen: Die „Scheinheilige Nacht“ im Jovel ist Party und Institution in einem. Und das, obwohl die Anfänge vor mehr als 30 Jahren durchaus schwierig waren. Dafür sorgte schon der provokante Name.

So gehörte etwa Weihbischof Friedrich Ostermann, ein Jahrgang mit „Scheinheilige Nacht“-Erfinder Steffi Stephan und dem Musiker durchaus freundschaftlich verbunden, zu denen, die den Titel nicht mochten. Doch Stephan blieb konsequent und dem einprägsamen Motto treu, auf das er längst den Titelschutz erworben hat.

Dabei ist streng genommen nicht Stephan derjenige, dem die Ehre gebührt, den Grundstein gelegt zu haben: „Die Idee dazu kommt aus meiner Familie. Meine Mutter schickte immer meine beiden älteren Schwestern an Heiligabend los und sagte: Holt irgendwelche Leute von der Straße. Da sind so viele einsame Gestalten, die nicht wissen, wohin. Denen müssen wir helfen.“

Schließlich war auch im Hause Stephan Weihnachten das zentrale Familienfest, an dem ohnehin schon alle versammelt waren: Opa, Oma, einige Tanten, zusammen sicher an die zehn Leute. „Wir hatten zudem untervermietet“, erzählt der Musiker, „an ausländische Studenten, die auch nicht immer das nötige Geld hatten, um Weihnachten nach Hause fahren zu können. Die haben dann auch bei uns mitgefeiert.“ Dass Weihnachten dann nicht zur Stillen Nacht, sondern zur geselligen Party bei den Stephans wurde, hat auch mit britischen Soldaten zu tun, von denen es in den 60er und 70er Jahren einige Tausend in Münster gab und von denen einige von den Schwestern Stephan dazu geholt wurden: „Die brachten dann gerne mal ´ne Flasche Gin mit.“

Ende der 70er Jahre kam schließlich das Eine zum Anderen: In Münster hatte damals über Weihnachten keine Kneipe und keine Diskothek geöffnet. Steffi Stephan, mittlerweile nicht nur berühmter Musiker bei Peter Maffay und Udo Lindenberg, sondern auch erfolgreicher Diskothekenbetreiber, war der Ansicht, dass da „dringend was gemacht“ werden müsste.

Also machte der Macher - und schuf ganz in der Tradition seiner Mutter ein Auffangbecken für „alle Einsamen , die feiern wollen, aber nicht wissen wo“.

Schon zum Auftakt - damals spielten noch Herman Brood & Wild Romance - war der Laden rappelvoll und ausverkauft. Das war auch mit der musikalischen Unterstützung der Blues Brothers Revival Band so und ist bis heute - wo viele Nachahmer und Kopierer längst aufgegeben haben - so geblieben.

Mittlerweile spielt „Starlight Excess“ und sorgt für die gute Stimmung, die Hermann Brood und auch die „im Namen des Herrn“ reisenden Blues-Brüder nicht immer garantieren konnten. „Die Nacht war mir zu dirty´ geworden. Ich wollte nicht, dass die Stimmung kippt. Wenn sich nur noch schlecht Gelaunte bei einem schlecht gelaunten Musiker treffen, dann ist der Ursprungsgedanke futsch, fröhlich zu feiern, weil es gerade an Heiligabend auch etwas zu feiern gibt“, sagt Steffi Stephan - dem man gleichwohl anmerkt, dass es ihm leid tat, Herman Brood abzusagen. „Aber das ging nicht anders. Es wäre sonst nicht mehr meine Scheinheilige Nacht´ gewesen“: eine Privatparty, die Hunderten ein Zuhause für ein paar fröhliche Stunden gibt.

Über die Jahre hat sich das weit über die Grenzen Münsters hinaus herumgesprochen: „Die Leute reisen aus dem Ruhrgebiet, aus dem Emsland und sogar aus Holland an, um dabei zu sein. Wir sind das Original, das wissen die Leute zu schätzen“, erzählt der Gitarrist, der 2009 an der Seite von Udo Lindenberg als sein bislang erfolgreichstes Jahr als Musiker verbuchte.

Seit fast zwei Generationen pilgern die Gäste zu dieser wahrscheinlich größten Weihnachtsfeier in Münster. Genau das ist sie - trotz oder gerade wegen des einst durchaus kritisch gesehenen Namens „Scheinheilige Nacht“.

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