Wirtschaft Münster
Mit 45 Jahren zum alten Eisen?

Freitag, 11.12.2009, 19:12 Uhr

Münster - Vorruhestand oder Rente mit 67? Während die Gesellschaft zusehends altert, wird in Politik und Wirtschaft über das Renteneintrittsalter debattiert. Der münsterische Psychologe Prof. Dr. Guido Hertel forscht in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt über ältere Arbeitnehmer. WN-Redakteurin Karin Völker sprach mit Guido Hertel über die Konsequenzen der demografischen Entwicklung für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft.

Zuerst eine persönliche Frage: Wie alt sind Sie?

Hertel: Ich bin jetzt 46 - und füge gleich hinzu: Nach den Kategorien, die die Europäische Union bildet, zähle ich schon zu den alten Arbeitnehmern. Die Union setzt diese Grenze bereits bei 45.

Das klingt nicht so, als ob sie sich in dieser Kategorie gut aufgehoben fühlen?

Hertel: Es kommt darauf an, was mit dieser Kategorie verbunden wird. Man muss wissen, dass es sich bei diesen Kategorien um politische Vereinbarungen handelt, nicht um Naturgesetze. Persönlich möchte ich in jedem Fall noch gerne sehr lange arbeiten, auch über die Grenze 67 hinaus. Aber abgesehen von persönlichen Vorlieben können wir es uns auch volkswirtschaftlich nicht leisten, Menschen über 45 oder 55 als „altes Eisen“ und für den Arbeitsprozess unproduktiv abzustempeln. In unserem Forschungsprojekt sehen wir viel positives Potenzial und hohe Arbeitsmotivation älterer Arbeitnehmer, die den gängigen negativen Vorurteilen zu älteren Mitarbeitern absolut nicht entspricht.

Ab wann gilt ein Arbeitnehmer bei ihnen als alt?

Hertel: Meinen Sie mit „alt“ nicht mehr arbeitsfähig? Hier würde es darauf ankommen, in welchem Beruf jemand arbeitet und in welcher Verfassung er ist. Bei körperlich schwerer Arbeit sind die meisten Berufstätigen um die 60 vermutlich nicht unglücklich darüber, bald in den Ruhestand zu treten. Menschen in Berufen, die körperlich weniger beanspruchend sind, sagen dagegen häufig, sie würden gern länger arbeiten. Ich meine, wir müssen zu einer flexiblen Lösung in der Frage des Renteneintritts kommen.

Werden die älteren Arbeitnehmer denn in den Betrieben wirklich noch gebraucht?

Hertel: Selbstverständlich. Der demografische Wandel kommt nicht erst, er hat uns schon erreicht, und in vielen Unternehmen setzt sich schon jetzt die Erkenntnis durch, dass nicht genügend junge Kräfte nachwachsen. Auf die Älteren wird die Wirtschaft immer seltener verzichten können. Es geht jetzt darum, dass die Betriebe mit dieser Entwicklung vorausschauend umgehen.

Es heißt doch, die geistige Leistungsfähigkeit nehme schon ab 40 Jahren ab?

Hertel: Unsere Erkenntnisse sind andere, besonders für die Spanne bis 65 Jahre lässt sich ein genereller Abfall der geistigen Leistungsfähigkeit nicht belegen. Darüber hinaus untersuchen wir speziell auch die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Und da ist es ganz klar, dass auch Ältere eine hohe Bereitschaft zeigen, neue Probleme zu lösen und sich in neue Bereiche einzuarbeiten, solange sie seitens des Arbeitgebers entsprechend unterstützt werden. Wir haben bei unseren Befragungen in Unternehmen und Verwaltungen außerdem bei älteren Mitarbeitern eine hohe Bereitschaft gefunden, anderen zu helfen und ihre Erfahrungen an Jüngere weiter zu geben. Das ist auch eine wertvolle Ressource für Arbeitgeber: So könnten sie ältere Mitarbeiter stärker für strategische Aufgaben oder aber als Mentoren in Trainingsprogrammen einsetzen.

Welche anderen Unterschiede in der Einstellung zur Arbeit zwischen älteren und jüngeren Arbeitnehmern haben sie festgestellt?

Hertel: Allen, ob alt oder jung, ist der Spaß an der Arbeit und die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit am wichtigsten. Für die Älteren ist aber das Hier und Jetzt wichtiger als für Jüngere, die eher auch mal auf die Zukunft vertrösten lassen. Ältere legen großen Wert auf die Arbeitsatmosphäre, gehen seltener Kompromisse ein und haben ein größeres Bedürfnis nach Selbstständigkeit. Dagegen ist für die Arbeitnehmer im mittleren Alter die Balance zwischen Freizeit und Arbeit sehr wichtig. Sie sind aber auch oft diejenigen, die in den Unternehmen unter hohem Leistungsdruck stehen und gleichzeitig privat, in ihrer Familie, stark gefordert sind. Ältere Arbeitnehmer können da viel gelassener sein. Die Kinder sind meistens erwachsen, und finanziell sind sie oft auch flexibler.

Ältere Menschen sind als Arbeitnehmer also ein echter Gewinn?

Hertel: Grundsätzlich ja. Personalfachleute in Unternehmen sehen das aber oft noch anders und lassen sich von negativen Stereotypen über ältere Arbeitnehmer leiten. Diese Unternehmen aber laufen Gefahr, viel Potenzial zu verschenken.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die die Ressource Alter und Erfahrung besser nutzen wollen?

Hertel: Es ist vor allem sinnvoll, die sich verändernden Bedürfnisse und Interessen der Mitarbeiter zu berücksichtigen und zu überlegen, wie für alle Altersgruppen die Arbeit motivierender gestaltet werden kann. Hierzu machen wir im Rahmen unseres Forschungsprojekts konkrete Beratungsangebote. So ist es zum Beispiel für ein Unternehmen ein sehr gutes Zeichen, wenn ein älterer Kollege sich für ein neues Projekt stark macht und es „noch einmal wissen will“. Umgekehrt, wenn ältere Leistungsträger aufgrund fehlender Perspektiven und Unterstützung innerlich kündigen oder ganz aussteigen, kann das für eine Firma leicht das Aus bedeuten.

Wie bewerten Sie eigentlich Überlegungen, das Rentenalter wieder herabzusetzen?

Hertel: Jch persönlich halte davon nichts: Volkswirtschaftlich können wir uns das aufgrund der demografischen Veränderungen nicht leisten. Der soziale Frieden ist ein wichtiges Gut, und die Herabsetzung des Rentenalters würde ihn gefährden. Das muss jeder Politiker wissen. Darüber hinaus fände ich es persönlich bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von bald 90 oder 100 Jahren ausgesprochen langweilig - was wollen Sie denn die ganze Zeit im Ruhestand machen?

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