Hochschule Münster
NS-Zeit in der Uni: Neue Erkenntnisse, neue Lücken

Münster - Seit fast zwei Jahren arbeiten sich Historiker der Universität Münster durch alte Akten und Lebensläufe längst gestorbener, teils namhafter Professoren. Ihr Ziel: Licht in eines der dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte in Münster zu bringen. Konkret will eine eigens eingerichtete Kommission die Verstrickungen von Wissenschaftlern an der Hochschule ergründen...

Sonntag, 28.02.2010, 15:02 Uhr

Münster - Seit fast zwei Jahren arbeiten sich Historiker der Universität Münster durch alte Akten und Lebensläufe längst gestorbener, teils namhafter Professoren. Ihr Ziel: Licht in eines der dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte in Münster zu bringen. Konkret will eine eigens eingerichtete Kommission die Verstrickungen von Wissenschaftlern an der Hochschule ergründen.

Die Arbeit ist noch lange nicht beendet, aber eine Besonderheit wurde im Zuge der Forschungen schon klar: Die Universität hat NS-Wissenschaftlern nach 1945 eine neue Wirkungsstätte geboten. Historiker vermuten an einer der größten deutschen Hochschulen sogar ein „Netzwerk“ und „Auffangbecken für belastete Forscher“.

Nach ersten Erkenntnissen der Kommission haben sich anerkannte Zoologen, Rechts- und Geowissenschaftler nicht nur bereitwillig in den Dienst der Nazis gestellt; auch nach 1945 machte die Mehrzahl weiter Karriere, lautet ein Zwischenfazit der Historiker.

Dass das Kriegsende für viele Forscher längst nicht das Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn bedeutet hatte, war in Münster zuletzt am „Fall Jötten“ zutage getreten: Prof. Karl Wilhelm Jötten war von 1924 bis zu seinem Tod 1958 Direktor des Hygienischen Instituts. Bis vor drei Jahren galt der für seine Erfolge in der Staublungen-Forschung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Wissenschaftler als völlig unverdächtig - in Münster ist sogar eine Straße nach ihm benannt.

Erst durch die Examensarbeit eines Studenten und spätere Medienberichte wurde öffentlich, dass Jötten zwischen 1933 und 1939 auf Grundlage zweifelhafter Untersuchungen und ganz im Sinne der NS- Vernichtungspolitik die Zwangssterilisation von Hilfsschulkindern empfahl. Die Uni-Leitung reagierte mit der Einsetzung der Kommission.

„Die NS-Zeit an der Uni Münster wurde nur unzureichend aufgearbeitet“, sagt der renommierte Historiker Prof. Hans-Ulrich Thamer , Leiter der Kommission. Wissenschaftlich haltbare Ergebnisse seien allerdings kurzfristig nicht zu erwarten, sagt Thamer. Seine Kollegin Prof. Isabel Heinemann , nicht Mitglied der Kommission, macht dafür unter anderem die Ausstattung verantwortlich: „Sie braucht eine bessere finanzielle Basis“, sagte die Historikerin in Richtung Uni- Leitung.

Ein Name, der nach wie vor viele Fragen aufwirft, ist Prof. Otmar von Verschuer, Begründer des Instituts für Humangenetik. Es sei bis heute völlig unklar, warum der Rassenhygieniker und Doktorvater von Auschwitz-Lagerarzt Dr. Josef Mengele in Münster nach 1945 eine Anstellung bekam, berichtet Historikerin Heinemann. Die Expertin hat erst jüngst ihre Arbeit am Historischen Seminar aufgenommen und zuvor mitgeholfen, das düstere Kapitel Nationalsozialismus und Wissenschaft bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufzuarbeiten.

„Die Uni könnte ein Auffangbecken für belastete Forscher gewesen sein“, sagt sie. Auffällig seien Verbindungen zu ehemaligen Reichsuniversitäten, insbesondere zu der in Prag. Einer, der dort gelehrt hatte und später nach Münster fand, sei der Rassenkundler und SS-Standartenführer Prof. Bruno K. Schultz gewesen. Heinemann zufolge hat Schultz 1961 an der Medizinischen Fakultät eine sogenannte entpflichtete Professur erhalten. Diese habe ihn von Lehre und Forschung entbunden, gleichzeitig aber die volle Pension gezahlt.

Hinweise auf ein Netzwerk von NS-Wissenschaftlern entdeckte auch Medizinhistoriker Prof. Hans-Peter Kröner. Er überprüft derzeit, auf welchen Wegen und mit wessen Hilfe „belastete“ Mediziner ausgerechnet in Münster Fuß fassten.

Wie verworren die Arbeit der Kommission im Einzelnen sein kann, führte Mitte Januar eine öffentliche Expertenrunde zutage: Ein Zuhörer im Publikum gab sich als Sohn eines derjenigen zu erkennen, dessen Biografie die Kommission gerade auf Verflechtungen mit dem NS- Regime durchleuchtet: Er klärte die Kommission darüber auf, dass sein Vater 1945 von russischen Soldaten umgebracht worden war. Die verdutzten Forscher hatten bis dahin angenommen, dass die Todesumstände nicht bekannt seien.

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