Kultur Münster
Autoren als religiöse Instanz?

Montag, 22.02.2010, 19:02 Uhr

Münster - Zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller geraten nach Untersuchungen der münsterischen Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf neben Preisverleihungen vor allem bei Skandalen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. „Die Medien sind da, sie urteilen und verurteilen. Die Verfehlungen der Betreffenden werden zum Tagesgespräch - und nach wenigen Wochen ist Funkstille“, schreibt sie in einem Beitrag für das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU). Anlass für die Skandale sei, dass die Autoren „gefehlt“ und sich etwas „zu Schulden“ hätten kommen lassen. Dann sei ihr Bild allgegenwärtig, und es erregten sich auch Menschen, „die nie eine Zeile der Beschuldigten gelesen haben“.

Als Beispiele nennt Wagner-Egelhaaf Günter Grass und seine SS-Mitgliedschaft, Peter Handkes Teilnahme am Begräbnis von Slobodan Milosevic sowie den Nobelpreis für Elfriede Jelinek, deren Werke viele als monomanisch und obszön ansehen. Auch Martin Walsers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gegen eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ und Christa Wolfs Text „Was bleibt?“ über ihre Stasi-Bespitzelung hätten solche Skandale ausgelöst. Hintergrund dieses Phänomens ist nach den Worten der Expertin, dass die Literaten in der Mediengesellschaft „viel Konkurrenz“ von Stars, Sportlern und Größen aus Politik und Infotainment hätten.

Die Skandale zeigen nach Einschätzung der Germanistin, die im Exzellenzcluster das Thema „Autorschaft als Skandal“ erforscht, dass die Menschen die Autoren wie schon in der Antike als „quasi-religiöse Instanz“ ansehen. Die Gabe zu schreiben rühre nach dieser Vorstellung vom „unmittelbaren Kontakt mit Gott oder Göttern“ her und unterscheide sie so von den „Normalsterblichen“. Daher dürften Literaten keine Fehler machen. Wenn sie aber doch ein Tabu brächen, komme es zum Skandal. Beliebte Anlässe dafür sind laut Wagner-Egelhaaf auch Plagiatsvorwürfe, also das „Vergehen“, Originalität vorgegeben zu haben, wie beispielsweise im Skandal um Feridun Zaimoglus Roman „Leila“.

Das Bild des „Autor-Schöpfers“ kam nach Meinung der Wissenschaftlerin auch „im jüngsten Skandal um die Verletzung des Urheberrechts durch das gigantomanische Google-Scan-Projekt“ zum Tragen, bei dem die Werke der Weltliteratur ins Internet gestellt werden sollen. „Ist es doch der Autor, dem als Urheber des Texts auch die Autorität über ihn gebührt - so sieht es zumindest das Urheberrecht.“

Die Literaturskandale sind stets auf die Verletzung von Tabus zurückzuführen, wie Wagner-Egelhaaf schreibt. „Sie bringen etwas ans Licht, das üblicherweise nicht thematisiert wird, gleichwohl im Unbewussten eines Gemeinwesens vorhanden und nicht abgegolten ist.“ Zugleich seien sie kurzlebig, „weil sie ihre reinigende Ventilfunktion für das Gemeinwesen rasch erfüllen.“

Der Beitrag von Prof. Dr. Wagner-Egelhaaf trägt den Titel „Autorschaft als Skandal. Warum Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor allem bei Verfehlungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken“. Er findet sich auf der Homepage des Exzellenzclusters unter „Aktuelles“ in der Rubrik „Ansichtssachen“. Der Forschungsverbund bietet auf der Website regelmäßig exklusive Beiträge seiner 150 Wissenschaftler, in denen sie über ihre Arbeit berichten oder zu einem aktuellen Thema Stellung beziehen.

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