Kultur Münster
Der Körper als Spiegel des Zeitgeists

Münster - „Nach den Wagners und den Manns jetzt der Bodensee-Clan?“, fragte jüngst eine deutsche Tageszeitung und meinte damit „Unsere Walsers“, nämlich die Familie von Martin und Käthe Walser mit den kunstbegabten Töchtern Johanna, Alissa, Franziska und Theresia sowie (Martin Walsers unehelichen Sohn) Jakob Augstein. Tatsächlich erregen die neuen Bücher zweier Mitglieder...

Montag, 08.03.2010, 18:03 Uhr

Münster - „Nach den Wagners und den Manns jetzt der Bodensee-Clan?“, fragte jüngst eine deutsche Tageszeitung und meinte damit „Unsere Walsers“, nämlich die Familie von Martin und Käthe Walser mit den kunstbegabten Töchtern Johanna, Alissa , Franziska und Theresia sowie (Martin Walsers unehelichen Sohn) Jakob Augstein. Tatsächlich erregen die neuen Bücher zweier Mitglieder dieses „Clans“ zurzeit erhebliche Aufmerksamkeit: Martin Walsers „Mein Jenseits“ und Alissa Walsers „Am Anfang war die Nacht Musik“; Vater und Tochter sind im Monat März auf der SWF-Bestenliste vertreten. Auf Einladung des Literaturvereins wird Alissa Walser aus ihrem neuen Buch lesen, das über drei Ecken sogar einen gewissen Münster- Bezug hat . . .

In Meersburg am Bodensee steht die „Magische Säule“ des Bildhauers Peter Lenk. Dargestellt sind unter anderem Franz Anton Mesmer und „Münsters“ Annette von Droste-Hülshoff. Beide sind auf dem Meersburger Friedhof begraben. Und eine Hauptfigur in dem ersten Roman von Alissa Walser, die bereits 1994 Gast des Literaturvereins war, ist der bis heute umstrittene Franz Anton Mesmer (1734 bis 1815).

Die einen sagen: Scharlatan; die anderen: Wunderheiler. Mesmer ist eine Figur, deren Aura oder Charisma Schriftsteller wie E.T.A. Hoffman und Edgar Allen Poe, aber auch Gegenwartsautoren wie Peter Sloterdijk („Der Zauberbaum“) oder Per Olof Enquist („Der fünfte Winter des Magnetiseurs“) immer wieder zu einer Auseinandersetzung gereizt hat; übrigens hat die Droste ebenfalls Kontakt gehabt mit einem „Mesmeristen“: Joseph Ennemoser.

Alissa Walser indes - Schriftstellerin, Übersetzerin, Malerin - hat weniger ein historisches als ein sehr eigenes Interesse an dieser Gestalt: „Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, der Körper als Spiegel des Zeitgeists, aber auch das Sehen und das Licht - Themen, die mir als Malerin sehr entgegengekommen sind und die ich in meinen frühen Geschichten mit einer gewissen Härte realisiert habe.“ Ihr Kunstprofessor in New York habe eines ihrer Bilder als „mesmering“ bezeichnet, was so viel heißt wie: faszinierend, fesselnd.

Der Roman erzählt die historisch „wahre“ Geschichte eines Heilungsversuchs: Mesmer soll die blinde Klaviervirtuosin Theresia von Paradis therapieren. Aber ein tragisches Dilemma tut sich auf, und sie erhebt einen verzweifelten Vorwurf gegen Mesmer: „Er habe ihre Augen sehend gemacht, und jetzt seien ihre Hände krank. Begreife das, wer wolle.“ Theresia kehrt in die Nacht zurück, die am Anfang Musik war.

Was viele historische Romane nicht leisten, hier ist´s Ereignis: „ein sprachliches Kunstwerk!“, heißt es in einer Pressemitteilung. Ob ihr Vater das Entstehen des Romans begleitet habe, wurde Alissa Walser mal gefragt: Antwort: „Oh Himmel, nein.“

» Die Lesung findet am Freitag (12. März) um 20 Uhr in der Stadtbücherei, Alter Steinweg, statt. Karten bei Rosta, Aegidiistraße 12, ' 449 26.

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