Kultur Münster
Mortadella zankt sich mit Jagdwurst

Mittwoch, 24.03.2010, 18:03 Uhr

Münster - Karl Wolff hatte die Pferde gut gezäumt für den irrwitzigen Parforce-Ritt, den er durch Themen wie Tod und Alltag, Liebe und Schicksal, Religion und Literatur unternahm. Er schlug die wildesten humoristischen Haken, gab die Sporen und zog immer wieder das Tempo an. Wachheit war bei seiner Lesung in der Stadtbücherei gefragt, um wirklich alle Anspielungen mitzubekommen, die sich in seinem jüngsten Buch „Alles Nebel oder was. Gedichte aus Absurdistan “ verbergen.

Für seinen Humor bedarf es in der Tat des „anarchischen Geistes der Respektlosigkeit“, wie Wolff selbst mit verschmitztem Lächeln sagt. Er fasst 300 Jahre abendländischer Kulturgeschichte mal eben so in wenigen Versen zusammen, rät Rilke zu einem „Seelenhalter“ -  fragte der doch schließlich: „Wie soll ich meine Seele halten, / dass sie nicht an deine rührt?“ Wolffs Lyrik ist urkomisch, überraschend, aberwitzig, ungebändigt - und voraussetzungsreich. Hegel prallt auf Adorno, Foucault auf Kant, Ringelnatz auf Nietzsche, Goethe und Schiller stehen neben Brecht, Beckett, Ionesco und Camus: Hier ist Aufmerksamkeit gefragt, damit einem kein Hakenschlag entgeht.

Wolffs Texte sind nicht nur doppelbödig, hier tut sich gleich eine mehrstöckige Torte an Ebenen auf. Und mittendrin kabbeln sich Mortadella und Jagdwurst , bekennt eine Pfütze, „tief bewegt“ zu sein, rumpelt das Klagelied einer verlassenen Sängerin als schnöder Walzer daher.

Viele seiner Texte sind „Texponate“ - eine Mischung aus Text und bildlichem Exponat, ähnlich wie in der konkreten Poesie. So mischt sich in den „Nebel“ auf einer Seite seines Buches mittels Buchstaben-Dreher fast unmerklich das „Leben“, endet die Aufforderung „schweig!“ mit einem „sch“ oder fließt ein Wortrinnsal auch optisch als solches daher.

Wolff, der gerne jüngst auf der Leipziger Buchmesse den Preis für das kürzeste Gedicht mit dem größten Volumen bekommen hätte („aber den gibt es noch nicht“), tritt angenehm unprätentiös auf, seine Lyrik vereint große Denker ebenso wie reine Lust am Sprachspiel. Vielleicht ist es die Unbefangenheit mit Sprache, die seine Texte so groß macht, das Originelle, so noch nie gehörte, das er beiläufig ausspricht. Oder seine Sicht auf die Welt, die er ganz leicht so ver-rückt, dass sich bei seinem Humor die Balken biegen. Auch wenn Wolff - wie der Titel seines Buches vermuten lässt - sich in dichter Nebelsuppe bewegt, die Orientierung und das Sprachgefühl verliert er nie.

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