Kultur Münster
Das Publikum ist wie eine gute Freundin

Mittwoch, 05.05.2010, 12:05 Uhr

Münster - Wer bei Hiller mit am gedeckten Tisch sitzt, fühlt sich wohl. Da gibt es leckeren Irish Stew - Frau Hillers Lieblingseintopf - und Rotwein . „Rotwein ist ja gut für die Gesundheit. Rot ist meine Lieblingsfarbe. Das erste Kleid, das ich in der Öffentlichkeit angezogen habe, war auch rot, nech“, erzählt sie drauflos. Sie, die Walli , die früher Walter hieß. Das „Statements“-Festival zum 25-Jährigen des Pumpenhauses ist der Anlass, die RedArt-Produktion „Zu Gast bei W./W.Hiller“ erneut zu zeigen.

Diesmal bringt Regisseurin Paula Artkamp das Publikum in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst am Hafen auf seine Plätze - an die lange Tafel im Kerzen- und Scheinwerfer-Schein.

Walter oder besser Walli, gespielt von Pitt Hartmann , fühlt sich nämlich ganz als Frau. Sie zieht gerne Frauenkleider an und macht sich gerne schön „zurecht“. Als sie an der langen Tafel Platz nimmt, plaudert sie frei aus dem Schminkkästchen, ohne die Dinge zu verschleiern oder zu beschönigen. Es sprudelt nur so aus ihrem rot bemalten Mund.

Sie erzählt davon, dass sie sich schon als Kind gerne Mädchenkleider anzog, von ihrer Zeit im Ersten Weltkrieg , als sie unter der Uniform Damenwäsche trug, als sie später im Lokomotivbau als Fräser(in) arbeitete und davon, wie sie sich endlich traute, in Frauenkleidern auf die Straßen des Berliner Ostens zu gehen: „Es war Sommer. Ich trug dieses rote Kleid, und um 5 Uhr morgens schritt ich durchs Fabriktor - es hatte sich herumgesprochen.“

Dann bringt Tochter „Dörchen“ den Eintopf, den sich alle schmecken lassen. Walli Hiller prostet ihren 27 Tischgästen mit „zum Wohl“ zu und verrät sogar das Rezept, das wirklich gut sein muss - sie hat nämlich eine Kochlehre gemacht und besaß mal ein Restaurant. Hartmann erzählt Hillers Geschichte so offen, als sei das Publikum eine gute Freundin, die man zufällig auf der Straße getroffen hat.

Bereits vor zwölf Jahren wurde das Stück erstmalig aufgeführt. Walli Hiller hat es wirklich gegeben. Pitt Hartmann und Paula Artkamp fuhren 1998 gemeinsam nach Berlin, um von Walli Hiller mehr über ihr Leben zu erfahren. „Nachdem sie vier Stunden nonstop aus ihrem Leben erzählt hatte, war mir die Rolle klar“, so Hartmann.

Bevor Walli Hiller im Jahr 2000 im Alter von 102 starb, hatte sie noch die Gelegenheit, eine der „Zu Gast bei W.W.Hiller“-Aufführungen zu sehen.

Schließlich verabschiedet sich „Frau Hiller“ von ihren Gästen mit den Worten: „Ich bin ein Transvestit. Aber pssst, nicht weitersagen“ - und verlässt in Männerkleidung den Raum. Die ungewöhnliche Inszenierung wird mit großem Applaus belohnt - am liebsten würden die Gäste die nette alte Dame direkt zum Kaffeekränzchen einladen.

» Die heutige Vorstellung ist ausverkauft, eventuell gibt es Rücklaufkarten an der Abendkasse in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst, Hafenweg 28.

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