Nachrichten Münster
Studentenwerk: Soziale Lage der Studis ist besorgniserregend

Montag, 28.06.2010, 00:06 Uhr

Münster - Die sozialen Folgen der Studienreform nach Bachelor- und Master sind nach Ansicht des Studentenwerks in Münster weiter besorgniserregend. Das Studentenwerk beruft sich dabei auf die Ergebnisse der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Demnach ist die "Bildungsbiografie" noch immer eng an die soziale Herkunft der Studenten gekoppelt. Ob jemand studiere oder nicht, hänge ganz entscheidend vom Bildungsstatus der Eltern ab, vor allem davon, ob die studiert hätten oder nicht, teilt das Studentenwekr in einer Mitteilung mit. Der Anteil der Studierenden aus „bildungsnahen“ Familien steigt im Vergleich zur Erhebung 2007 weiter, und ist laut Studie in Münster noch ausgeprägter als im übrigen Nordrhein-Westfalen (Hochschulabschluss der Eltern MS 2007: 58%, 2009: 62% - NW 2007: 55%, 2009: 58%). Die Anteile der Studierenden mit Facharbeiter-Hintergrund oder aus sozial benachteiligten Schichten stagniere sowohl in Münster als auch in den Hochschulen des Landes NRW . Angesichts dieser Ergebnisse sieht Peter Haßmann, Geschäftsführer des Studentenwerks Münster, laut Mitteilung weiter dringenden Handlungsbedarf beim Land wie auch beim Bund. „Die Hoffnung, die mit der Studienreform einherging, mehr Menschen aus bildungsfernen Schichten mit den neuen Studiengängen zur Aufnahme eines Studiums bewegen zu können, hat sich leider nicht bestätigt. Hier gibt es weiterhin immensen Bedarf für eine bessere Ausgestaltung der sozialen Rahmenbedingungen zur Aufnahme wie auch zum erfolgreichen Abschluss eine Studiums“. Ein Grundproblem für die weiter stattfindende soziale Selektion sieht Peter Haßmann in der unsicheren Perspektive der Studierenden für eine solide, für die Studierenden und deren Eltern noch zumutbare oder tragbare Finanzierung eines Studiums. Mit Verweis auf die Ergebnisse sagt Peter Haßmann in der Mitteilung weiter: „Das Gefühl der drohenden finanziellen Überforderrung der Eltern nimmt bei den Studierenden weiter zu. Nur rund 60 Prozent aller Studierenden haben den Eindruck, dass die Finanzierung ihres Studium während des laufenden Semesters noch gesichert ist.“ Laut Studie ist der Anteil am Standort Münster (2007: 66%, 2009: 62%) gegen den Landestrend sogar weiter rückläufig ist (NRW: 2007: 59%, 2009: 62%). An der Spitze der Ausgaben der Studierenden stehen laut Studentenwerk unverändert - und mit zunehmenden Tendenz - Mietzahlungen: Das Ausgabenniveau im Land NRW (292.20 €) liegt 2009 über dem Mittelwert am Standort Münster (282.90 €). Hier verweist der Geschäftsführer des Studentenwerks erneut auf die wichtige Rolle des Unternehmens als Mietniveauregulator für den Standort Münster und die Zufriedenheit der Studierenden mit dem Angebot des Studentenwerks. „ Bei uns zahlen Studierende im Vergleich zur Kaltmiete zum freien Markt im Schnitt 100 € weniger und das an Warmmiete. Gäbe es die 6.000 Wohneinheiten des Studentenwerks nicht, so würde das Mietniveau des Studienstandortes sicher bis hin zur für viele Studierende nicht mehr tragbaren Belastungsgrenze steigen“. Eine eigene Mieterumfrage des Studentenwerks aus 2009 belege, dass neun von zehn Studierenden wieder in eine Wohnanlage des Studentenwerks einziehen würden. Das Angebot und die Servicequalität des Studentenwerks sei von den Studierenden mit der Schulnote 2,5 bewertet worden. Laut der 19. Sozialerhebung sinkt jedoch in Münster und im Land die Quote der Studierenden, die mit Ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden sind auf 50 bzw. 53 Prozent. Im Trendvergleich falle am Standort Münster auch die Bedeutung von privaten Wohngemeinschaften (2009 MS 32 %, NW 20 %) und die Bedeutung der Wohnheime und Wohnanlagen (2009 MS 17%, NW 9 %) auf . Der erheblich größere Anteil der Studierenden im Landesschnitt, die bei ihren Eltern wohnen, nehme zu (2007: 27%, 2009: 28%). Der Wert am Standort Münster ist etwas geringer. Die Quote der Studierenden, die nach eigenen Angaben BAföG-Zahlungen erhalten, stagniert laut Mitteilung sowohl in Münster (2009: 21%) als auch im Land NW (2009: 22%). Der Studierendenanteil, der auf einen BAföG-Antrag verzichtet hat, geht 2009 leicht zurück. Hauptgrund für den Verzicht auf einen Antrag bleibe das (vermeintlich) hohe Eltern - Einkommen (MS 2007, 2009: 71% - NW 2007: 66%, 2009: 68%), bzw. die zu niedrigen Freibetragsgrenzen. Im Gegensatz zum stabilen Anteil der Einschätzung, dass ohne BAföG-Zahlungen ein Studium nicht möglich wäre (2009 MS: 23%, NW: 21%) gehe auch die Quote der Studierenden seit der letzten Erhebung stark zurück, die eine größere Planungssicherheit durch die BAföG-Zahlungen empfindet (MS 2007: 44%, 2009: 24% - NW 2007: 41%, 2009: 20%). Auf weitere, besorgniserregende Ergebnisse zur notwendigen Studienfinanzierung verweist in der Mitteilung auch Andre Schnepper, studentischer Vertreter im Verwaltungsrat des Studentenwerks: "Die finanzielle Situation der Studierenden wird auch in Münster immer prekärer. Während 2007 "nur" 60 % der Münsteraner Studierenden einer Erwerbstätigkeit nachgehen mussten, sind es heute bereits 66 %. Diese Zeit fehlt beim Studium und von den Bachelor-Studierenden sagen heute bereits 19%, dass durch die Leistungsverdichtung im Studium auch die zeitliche Belastung während des Semesters zu hoch sei. Diese Doppelbelastung führt zunehmend nicht nur zu psychosozialen, sondern auch zu anderen gesundheitlichen Problemen.“ Während 2007 noch 14 Prozent gesundheitliche Schwierigkeiten als Grund für die Unterbrechung des Studiums angaben, waren es 2009 bereits 34 Prozent. “Bedenklich ist so Schnepper weiter, dass der wöchentliche Zeitaufwand für das Studium in Münster erheblich stärker gewachsen ist als im Landesdurchschnitt. Im Vergleichszeitraum stieg der zeitliche Aufwand für das Studium in Münster um fünf Stunden, in ganz NRW aber nur um drei Stunden. Die Zahlen belegen eindeutig, dass nicht nur die finanzielle Belastungsgrenze vieler Studierender längst überschritten wurde. Verantwortlich hierfür sei vor allem die Einführung von Studiengebühren. Ihre Erhebung habe mit dazu beigetragen, dass der Anteil der Studierenden mit höherer Semesterzahl - entgegen den Zielen des Bologna-Prozesses - noch einmal deutlich gestiegen sei. Angesichts dieser Entwicklung sieht Andre Schnepper auch die Münsteraner Hochschulen in der Pflicht, auch die eigenen Ausführungsregeln der verfehlten Reform schnellstmöglich zu überarbeiten. "Die Reduktion der Anwesenheitspflicht kann hierbei jedoch nur ein erster Schritt sein", so der Student mit Blick auf die jüngsten Beschlüsse der Universität weiter. Als Verwaltungsratsmitglied des Studentenwerks sieht er aufgrund der negativen Zuschusssituation auch das Studentenwerk unter Druck und fordert für dessen unverzichtbaren Sozialauftrag eine bessere finanzielle Unterstützung durch das Land NRW.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/169783?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597177%2F696341%2F
Turner-Ausstellung: Lange Schlangen am letzten Wochenende
An den letzten Tagen der Turner-Ausstellung bildeten sich rekordverdächtig lange Schlangen vor und im LWL-Museum für Kunst und Kultur.
Nachrichten-Ticker