Nachrichten Münster
Soll Carl Diem „weißgewaschen“ werden?

Sonntag, 08.08.2010, 10:08 Uhr

Münster - Nach der Veröffentlichung einer mehrbändigen Biografie über den umstrittenen Sportfunktionär Carl Diem ist ein handfester Gelehrtenstreit ausgebrochen. Der Verfasser der Publikation, der Historiker Prof. Dr. Frank Becker , kommt zum Schluss, dass Diem, der im Dritten Reich Karriere machte und nach Kriegsende die Deutsche Sporthochschule in Köln gründete, bis 1945 „nationalistisch, militaristisch und rassistisch“ eingestellt war. Die Umbenennung eines nach Diem benannten Weges auf der Sentruper Höhe sei daher „angemessen“.

Diese Einschätzung war von der Projektleitung des Forschungsprojekts „Leben und Werk Carl Diems“, in dessen Auftrag Becker die Biografie verfasst hatte, umgehend zurückgewiesen und die Arbeit als wissenschaftlich mangelhaft abqualifiziert worden. Diem sei „weder Nationalist noch Rassist, Chauvinist, Antisemit oder Militarist“ gewesen, eine Straßenumbenennung daher nicht zu rechtfertigen. Unterzeichner dieser Bewertung ist auch der münsterische Sportwissenschaftler Prof. Dr. Michael Krüger.

Der renommierte münsterische Historiker Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer hat die Kritik an Beckers Arbeit nun mit deutlichen Worten zurückgewiesen. Die Biografie sei „unheimlich differenziert“, Becker habe seine Argumente für und gegen Diem „sehr sauber abgewägt“. Kritiker, die das anders sehen, würden eine „eindeutig apologetische Absicht“ verfolgen, so Thamer. Es gehe wohl um eine „Ehrenrettung“ Diems. Ein offenbar fragwürdiges Ansinnen: So verweist Thamer darauf, dass Diem nicht nur regelmäßig in einer „Hauszeitschrift“ von Joseph Goebbels publizierte, sondern auch durch ein „Übermaß an Opportunismus“ glänzte. Auf die Frage, ob man den Carl-Diem-Weg umbenennen sollte, antwortet Thamer: „Straßennamen identifizieren sich mit einer Haltung. Ich habe meine Zweifel, ob Diem ein Vorbild ist, das man ehren muss.“

Prof. Michael Krüger wollte sich gegenüber den WN nicht weiter äußern. Nach einem kritischen Artikel über die Projektleitung in der „Frankfurter Rundschau“ sei sein Vertrauen in den Berufsstand der Journalisten „nachhaltig erschüttert“, so Krüger.

Derweil hat auch Becker selbst die Kritik an seiner Biografie zurückgewiesen. „Die Projektleitung will Diem weißwaschen“, so seine Vermutung. Die Anmerkungen zu seiner Untersuchung grenzten „an Rufmord“.

Erst kürzlich hatte die SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung West beantragt, den Carl-Diem-Weg umzubenennen und damit dem Beispiel etlicher anderer Städte zu folgen. Der Stadtsportbund wies diese Forderung mit Verweis auf das Gutachten der Projektleitung umgehend zurück.

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