Kultur Münster
Aktuelles Reizthema aufgespießt

Sonntag, 05.09.2010, 16:09 Uhr

Münster - „Warum sind unsere Kliniken voll mit jungen Menschen wie ihnen?“ Der Schluss von Joe Penhalls Kammerstück „Blue/Orange“ lässt mehr als eine Frage offen. Doch ausschließlich bei herausragenden Inszenierungen kann man Publikumsreaktionen erleben wie am Freitagabend bei der Premiere des „Theater Pod sPodem“ in den Räumen des „Kleinen Bühnenboden“: gebannte Aufmerksamkeit während der Aufführung, um ja keine Nuance der anspruchsvollen Dialoge zu verpassen, sowie leidenschaftliche Diskussionen nach der Aufführung über die aufgeworfenen Fragen und Themen des hochaktuellen Dreiakters.

In einem waren sich alle dreißig Zuschauer- - mehr Plätze gibt es nicht pro Vorstellung - unbedingt einig. In Raumarrangements von Multitalent Henri Alain Unsenos und unter der Regie von Monika Stermann erlebten sie ein engagiert aufspielendes Darstellertrio. Andreas Ladwig jonglierte als Dr. Robert Smith überzeugend zwischen akademischer Arroganz und heimtückischer Liebenswürdigkeit wie bei einer möglichen realen Chefarztvisite. Tilman Rademacher, der auch als Filmemacher derzeit erste Meriten sammelt, ließ als Dr. Bruce Flaherty pointiert den gespaltenen Charakter eines Assistenzarztes zwischen berechnender Selbstlosigkeit und verzweifelter Wut lebendig werden. Der einundzwanzigjährige Abiturient Julius Douglas Dombrink war der Regisseurin bei der Produktion „Beautiful Freaks“ von „Cactus Junges Theater“ in diesem Frühjahr aufgefallen. Er verkörperte die Rolle des „renitenten Niggers“ Christopher mit gekonnter Distanz zu allen üblichen Klischees in der Darstellung von Psychopathen. Dombrink führte keinen herumspringenden „Irren“ vor, sondern mimte eine ebenso undurchsichtige wie selbstbewusste Persönlichkeit mit dem gleichen Hang zur Intrige wie die beiden Doktoren.

Und diese drei in sich zerrissenen Gestalten waren es, die durch ihre unermüdliche Geschwätzigkeit auch die Zuschauer in ihren Stimmungen und dem jeweiligen Urteil innerlich spalteten: Wer hat hier recht, wer ist hier der Verrückte und wie würde ich handeln?

Zunächst scheint „Blue/Orange“ den Konflikt von zwei Ärzten zu zeigen, die den Geisteszustand eines afro-karibischen Patienten gegensätzlich beurteilen. Doch je mehr die „blaue Orange“ geschält wird, desto vielschichtiger offenbart sich das Dilemma, in dem die Protagonisten stecken. Gerade jetzt, da einmal mehr die Diskussion über multikulturelle Grenzen die Öffentlichkeit zu spalten droht, ist „Blue/Orange“ eine wichtige Stimme aus einem kleinen Theater, der man große Resonanz wünscht.

» Weiter Aufführungen: Freitag, 10.9., Samstag, 11.9., Donnerstag, 23.9., Freitag, 24.9., Freitag 1.10. und Samstag, 2.10. 2010 im „Kleinen Bühnenboden“, Schillerstr. 48a, Münster.

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