Nachrichten Münster
Löwenzahn: Ein Mauerblümchen gibt Gummi

Montag, 18.10.2010, 21:10 Uhr

Münster - Es könnte eine so nette Geschichte sein: Löwenzahn - dieses hübsche gelbe Maurerblümchen , dieses lästige Unkraut, dieses preiswerte Kaninchenfutter - enthält Kautschuk. Münsterische Forscher arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, den wertvollen Rohstoff aus Löwenzahnwurzeln zu gewinnen. Dafür wurden sie nun vom bundesweiten Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Hinter dem Gummi-Löwenzahn steckt aber noch eine andere Geschichte, und die ist gar nicht schön: Dass sich aus der botanischen Gattung „Taraxacum“ Gummi machen lässt, ist seit fast 80 Jahren bekannt. Stalin höchstselbst gab den Befehl aus, dass die Sowjetunion von allen Kautschuk-Importen unabhängig zu machen sei, koste es, was es wolle. Sowjetische Forscher entdeckten daraufhin angstschlotternd den hohen Kautschukgehalt von Löwenzahn. Auch die USA und Nazi-Deutschland experimentierten mit dem Anbau. Selbst in Auschwitz soll Löwenzahn gezüchtet worden sein.

Das ist den Forschern um Prof. Dr. Dirk Prüfer vom Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen bekannt: „Wir haben intensiv über diese Vergangenheit diskutiert“, sagt er. Letztlich sei man zur Auffassung gelangt: „Dafür kann die Pflanze nichts.“ Und die Vorteile lägen auf der Hand: Der Löwenzahn-Kautschuk sei dem knapper werdenden Baum-Kautschuk aus Asien ebenbürtig, und er lasse sich eben auch hierzulande anbauen. Mehr als 40000 Produkte - vom Autoreifen über Handschuhe bis zu Luftballons - können daraus hergestellt werden. Nach allem, was man bisher weiß, löst er keine Allergien aus.

Worin besteht nun die Leistung der Biologen aus Münster? Sie haben jenes unangenehme Enzym entdeckt, das den Kautschuk-Saft des Löwenzahns braun färbt und gerinnen lässt. Und sie haben ein Verfahren entwickelt, wie der Rohstoff aus den Wurzeln der Pflanzen zu pressen und zu härten ist. Bislang sei das nur mit gentechnisch verändertem Löwenzahn möglich, sagt Prof. Prüfer. Da dieser hierzulande nicht verwendet werden darf, müsse die Pflanze ganz konventionell gezüchtet werden - und das dauere eben seine fünf bis sechs Jahre. Dann allerdings sei man imstande, der Industrie eine gut verwertbare Nutzpflanze an die Hand zu geben. Was bei der Gummi-Produktion nicht benötigt werde, eigne sich gut als Viehfutter. „Wir wollen nicht den Gummibaum ersetzen“, sagt Prof. Prüfer. Aber zehn bis 20 Prozent des Bedarfs ließe sich mit Löwenzahn-Gummi decken.

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