Nachrichten Münster
Professor mit Ossi-Biografie blickt zurück

Sonntag, 03.10.2010, 13:10 Uhr

Münster - An den Universitäten im Westen, in der alten Bundesrepublik, sind Professoren mit DDR-Biografie nach wie vor Raritäten, aber auch an den Hochschulen im Osten sind sie in der Minderheit. Prof. Dr. Detlef Pollack , seit zwei Jahren Religionssoziologe im Exzellenzcluster an der Universität Münster , ist nicht nur von seiner Herkunft her „Ossi“, er erforscht auch die Befindlichkeiten der Menschen im vereinigten Deutschland .

1988 und 1989 hat er, damals als Theologe an der Uni Leipzig tätig, in oppositionellen Zirkeln mitdiskutiert, ist auf Montagsdemos marschiert, als der Protest noch zaghaft war. Das Jubiläum der Wiedervereinigung löst bei Pollack aber keine großartigen Gefühle mehr aus: „Trotz vieler Ungleichgewichte: Es ist gut, wie sich Deutschland entwickelt hat“, zieht er Bilanz. Er selbst ist ohnehin längst angekommen im politischen System der Bundesrepublik, das vereinigte Deutschland ist Normalität.

Es ist auch 20 Jahre nach der Vereinigung immer noch der größere Teil seines Lebens, den Pollack, vor 54 Jahren in Leipzig geboren und dort aufgewachsen, in der früheren DDR verbracht hat. Als Junge sang der Sohn eines Musikerpaares im berühmten Thomanerchor, studierte später evangelische Theologie. „Alle anderen geisteswissenschaftlichen Fächer waren ideologisch vereinnahmt“, erklärt Pollack. Er sympathisierte mit den Bürgerrechtlern, sieht sich selbst aber nicht in der Rolle eines Widerständlers.

Als am 9. Oktober 1989 die Montagsdemonstrationen in Leipzig zu regelrechten Volksfesten anschwollen, war Pollack schon nicht mehr dabei. Er hatte über eine Kooperation mit der Universität Zürich ein Forschungsstipendium in der Schweiz bekommen. Wie seine Landsleute am Abend des 9. Novembers über die Mauer kletterten und in den Westen strömten, das erlebte er vor dem Fernseher. „Zwischen Überwältigung und ungläubigem Staunen“, beschreibt er seine Gefühle von damals. Nie im Leben hätte er daran gedacht, dass das System der DDR wirklich fallen würde.

Zwar war die Stimmung im Land in den Jahren zuvor immer schlechter geworden, die Unzufriedenheit hatte sich schleichend in Auflehnung gewandelt. Und doch war Pollack, der in den 80er Jahren schon einmal zu Forschungen bei dem berühmten westdeutschen Soziologen Niklas Luhmann in Bielefeld eingeladen war, nach dem ersten Besuch im Westen wieder nach Leipzig zurückgekehrt. „Wegen der Familie“, begründet Pollack, aber auch weil er große Probleme sah, im Westen als Wissenschaftler einen Job zu finden.

Nach dem Forschungsaufenthalt in Zürich kehrte Pollack nach Leipzig zurück und wechselte endlich zu seinem Wunschfach, der Soziologie. Mitte der 90er Jahre wurde er Professor an der Universität Frankfurt/Oder.

In Münster forscht Pollack unter anderem über die Zufriedenheit der Menschen in Ost und West mit der Demokratie. Die Spaltung im wiedervereinigten Deutschland, sagt er, habe sich „stark entdramatisiert. Für die meisten jungen Leute ist die Herkunft aus dem einen oder anderen Teil Deutschlands nicht mehr bedeutend.“ Verlierer der Wiedervereinigung aber sind für ihn die heute etwa 60- bis 70-Jährigen. Sie haben in den 90ern ihre Jobs verloren und erhalten entsprechend wenig Rente. „Jeder zweite Ostdeutsche über 20 hat Erfahrung mit der Arbeitslosigkeit“, sagt Pollack - „ein Trauma in praktisch jeder Familie“. Und das Jammern , ergänzt der Professor, sei bedingt durch die 40 Jahre DDR-Herrschaft eine bereits früher im Osten verbreitete Eigenschaft. Aber er ist sicher: „Es wird nachlassen.“

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