Studentisches Sorgentelefon
Der Kummer der Kommilitonen

Freitag, 01.04.2011, 06:04 Uhr

Münster - Es ist schon Nacht, als Studentin Sarah (23, Name geändert) den Telefonhörer auflegt, die Tür hinter sich schließt und nach Hause radelt. Gerade hat sie lange mit einem Studierenden te­lefoniert, hat viel über ihn erfahren, obwohl sie nicht einmal seinen Namen kennt.

Sie weiß, dass der junge Mann seine Abschlussarbeit schreiben müsste, aber einfach keinen Anfang findet, dass er dann am Schreibtisch sitzt, sich im Internet ablenkt und Angst hat vor der Zukunft. Am Telefon hat er sich den Frust von der Seele geredet - von anonym zu anonym.

Sarah arbeitet beim Zuhör-Telefon Nightline, bei dem vor allem Studenten anrufen, wenn ihnen alles über den Kopf wächst. Auch am anderen Ende der Leitung sitzen ausschließlich Studierende. 2007 wurde die Nightline gegründet, und seitdem klingelt von Semester zu Semester häufiger das Telefon. Das liege zum einen daran, dass die Nightline bekannter geworden ist - zum anderen aber auch daran, dass der Stress seit der Einführung von Bachelor und Master zugenommen hat: In einer Umfrage der Techniker Krankenkasse gibt jeder siebte Student an, un­ter depressiven Verstimmungen zu leiden.

Wer die Nightline anruft, den plagen oft Probleme im Studium: Ein Abgabetermin sitzt im Nacken, jemand zweifelt, ob er das Richtige studiert, hat Zukunftsängste: Oder fühlt sich einsam, ist neu in der Stadt und hat noch keinen Anschluss gefunden, hat Single-Frust oder Ärger mit dem Freund oder der Freundin. Der Vorteil des „Von Studenten für Studenten“-Prinzips: „Die Hemmschwelle, bei uns anzurufen, ist relativ niedrig“, sagt Nightlinerin Melinda (24, Name geändert).

Sarah ergänzt: „Viele der Probleme kennen wir aus eigener Erfahrung. Zum Beispiel das Gefühl, wenn eine Klausur ansteht und man zu wenig dafür getan hat.“ Ein bis zwei Anrufer melden sich pro Schicht, die Gespräche dauern im Schnitt 40 Minuten, das längste im vergangenen Jahr jedoch vier Stunden.

Die Nightliner in Münster sind von Psychologen geschult, aber haben nicht den Anspruch, professionelle Hil­fe zu leisten. Wenn sie merken, dass etwas Ernstes dahintersteckt, verweisen sie an Beratungsstellen. Sie hören vor allem zu, geben keine Ratschläge, außer sie werden danach gefragt. Das Gefühl, dass ihnen Gespräche nicht aus dem Kopf gehen, kennt jeder Nightliner. Und eigentlich nie erfahren die Ehrenamtlichen, wie es mit dem Anrufer weitergeht, denn viele melden sich nur einmal.

Schwierige Situationen besprechen die Studenten einmal im Monat bei der Supervision mit Psychotherapeuten - was war be­­lastend, was war gut, was hätte noch besser sein können? Fast immer aber, sagt Melinda, gehe es den Anrufern nach dem Gespräch hörbar besser.

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