Nachrichten Münster
Die vielsprachige Frau - Elvira Ajvazis Leben als geduldete Roma

Samstag, 25.06.2011, 15:06 Uhr

Münster - Sie trägt einen großen weißen Hut. „Aber nur bei wichtigen Anlässen“, sagt Elvira Ajvazi . Die 24-jährige Roma ist Sekretärin des Roma-Lehrervereins, arbeitet als Simultan-Übersetzerin und liest Kindern im Projekt Mulingua des Schulamts Geschichten in Romanes, der Roma-Sprache, vor. Mit Ajvazi sprach unser Redakteur Günter Benning .

Wo kommen Sie her?

Elvira Ajvazi: Ich bin in Zagreb geboren und serbische Staatsbürgerin. Mein Vater ist Mazedonier. 1988 bin ich nach Deutschland gekommen, ich war ein Jahr alt.

Man kann nicht hören, dass Sie Roma sind.

Ajvazi: Tja, ich weiß, warum ich heute so gut Deutsch kann. Weil ich immer Probleme hatte. Im Kindergarten habe ich nichts verstanden. Die Kinder wollten nicht mit mir spielen. Dann war ich auch noch Einzelkind. Das hat mich so gepuscht, dass ich gesagt habe: jetzt lerne ich - und irgendwann spreche ich besser als ihr alle.

Und die Schule?

Ajvazi: Die war sehr schwierig. Wegen meines unsicheren Aufenthaltsstatus´ habe ich nur einen Hauptschulabschluss. Ich habe gekämpft und nachträglich den Realschulabschluss bekommen, aber keine Ausbildung gemacht. Meine Familie wurde zwar nie ausgewiesen, aber meine Mutter hat immer wieder ihre Arbeit verloren, und ich musste mich mit 16 Jahren entscheiden, lernst du oder gehst du arbeiten, damit wir alle hier bleiben können.

Waren Ihre Eltern Flüchtlinge?

Ajvazi: Jein. Sie sind nicht vor dem Krieg geflohen. Sie sind wegen der schlechten Wirtschaftslage gekommen. Mein Vater hat eine Behinderung am Bein, für Behinderte war es sehr schwierig in Ex-Jugoslawien.

Sie setzen sich ehrenamtlich für Roma ein?

Ajvazi: Ich bin Aktivistin für alle Sachen, die Roma angehen. Ich gehe in Familien, guck mir die Probleme an, versuche zu helfen. Die Kernprobleme sind die ausländerrechtlichen Fragen. Da kommen viele Briefe an, die die Leute nicht lesen können. Und dann sagt das Arbeitsamt , du hast doch einen Brief bekommen und warst nicht beim Termin. Da bin ich für manche schon eine Vertrauensperson, der sie auch mal solche Sachen zeigen können.

Was hätten Sie sich für Ihr Leben gewünscht?

Ajvazi: Dass ich die Sprache noch besser gelernt hätte. Und dass ich ein Bleiberecht bekommen hätte, bei dem ich hätte sagen können, jetzt kann ich weiter zur Schule gehen und eine Ausbildung machen.

Haben Sie kein Dauerbleiberecht in Deutschland?

Ajvazi: Nein, ich kann mich hier zwei Jahre aufhalten, wenn ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Wenn nicht, falle ich in die Duldung. Dann droht Abschiebung.

Sie arbeiten auch noch als Übersetzerin?

Ajvazi: Ja, ich habe vielleicht kein Abitur, aber ich kann verschiedene Sprachen sprechen. Ich spreche sechs Roma-Dialekte, außerdem Kroatisch, Serbisch und Bosnisch. Als Dolmetscherin bin zurzeit sehr gefragt, ich hoffe, das bleibt auch weiter so.

Sie haben Kinder?

Ajvazi: Ja, drei. Ich habe meine Kultur nicht vergessen. Bei uns kriegen Frauen jung Kinder. Die Kultur ist so - und ich finde das auch schön. Außerdem kann ich mit meinem Ältesten später noch in die Disco gehen.

Lernen Ihre Kinder Romanes?

Ajvazi: Mein ältester Sohn ist acht, der lernt zwei Roma-Dialekte. Einmal vom Vater, der ist Kosovo-Roma, und dann von mir, eher das Mazedonische. Mit der Oma reden sie serbisch.

Und deutsch?

Ajvazi: Das können sie sehr gut. Meine jüngste Tochter ist ein Jahr alt, die ist schon seit sechs Monaten im Kindergarten. Die anderen waren da auch - da wird deutsch gesprochen.

Was soll mal aus Ihren Kindern werden?

Ajvazi: Mein Sohn soll einen Beruf machen, der ihm Spaß macht. Ich musste immer Jobs machen, die ich überhaupt nicht wollte. Ich war oft verzweifelt und habe zu Hause geweint. Aber ich konnte nicht noch mal zur Schule gehen. Ich kann es heute auch nicht, obwohl ich noch jung bin und alles machen könnte. Aber ein Vollzeitjob mit drei Kindern - und dann noch zur Schule gehen. Das geht nicht.

Sie gehen in Schulen und lesen Kindern in Ihrer Sprache Roma-Geschichten vor. Warum?

Ajvazi: Kinder, die von klein auf lesen lernen, bleiben Leser, wenn sie groß werden. Wir selber hatten keine Roma-Bücher. Es war immer schwer, so etwas zu finden. Die Mütter können oft nicht lesen. So fehlt den Kindern geistige Anregung. Bei Mulingua lesen, malen, spielen wir Theater. Es ist so schön, wenn die Kinder sagen können, ich bin Roma. Das ist ein Selbstbewusstsein, das sie von zu Hause gar nicht kennen.

Sprechen die Roma-Kinder ihre Sprache korrekt?

Ajvazi: Das Niveau ist niedrig. Ich kann aber sagen, dass es sich im Verlauf des Projekts verbessert hat. Das funktioniert.

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