Nachrichten Münster
Rechtspsychologen: Maßnahmen zur Kriminalprävention besser überprüfen

Freitag, 23.09.2011, 20:09 Uhr

Münster - Wissenschaftler wie die Professoren Wolfgang Bilsky aus Münster und Friedrich Lösel aus Erlangen sind immer dann gefragt, wenn schwere Straftaten die Öffentlichkeit erschüttern. Bilsky und Lösel sind Rechtspsychologen.

Diese treten nicht nur als Gutachter bei Gericht auf, wenn es um die Glaubwürdigkeit von Aussagen geht. Bilsky vom Institut für Psychologie der Universität Münster hatte in den vergangenen Tagen bei einer Tagung rund 200 Kollegen aus ganz Deutschland zu Gast.

Ihm liegt, ebenso wie Friedrich Lösel, Professor an der Universität Erlangen und Leiter des Instituts of Criminology der britischen Universität Cambridge, vor allem an der Prävention von Gewalttaten, wie die beiden im Gespräch mit unserer Redakteurin Karin Völker darlegen.

Münster bewegt gerade der Gewaltausbruch von Preußen-Fans beim Auswärtsspiel in Osnabrück. Sind solche Taten durch Prävention zu verhindern?

Bilsky: Im konkreten Fall fehlen mir die entsprechenden Hintergrundinformationen. Grundsätzlich ist bekannt, dass es im Umfeld vieler Fußballvereine gewaltbereite Gruppen gibt. Gerade dann ist die Zusammenarbeit von Polizei, Vereinen und Fanprojekten besonders wichtig und oft erfolgreich. Wegen gelungener Prävention in den Bundesligen verlagern sich diese Probleme offensichtlich vermehrt in die unteren Ligen.

Sie betonen bei der aktuellen Tagung das Thema Prävention von Straftaten. Wird hier allgemein zu wenig getan?

Bilsky: Die Menge der Maßnahmen ist nicht das Problem. Es gibt viele Projekte, die gut gemeint sind und für die viel Geld ausgegeben wird. Das Problem ist, dass viele von ihnen nicht zielorientiert geplant werden und ihre Wirkung nicht systematisch überprüft wird.

Lösel: Deutschland ist reich an sozialen Hilfen und auch Präventionsprogrammen. Rund zwei Millionen Familien nehmen Jahr für Jahr an solchen Maßnahmen teil. Welche von ihnen wirksam sind, ist aber in sehr vielen Fällen unbekannt.

Auch Münster investiert einiges in Präventionsprogramme, etwa in sozial bedürftigen Familien und Risikogruppen. Worauf müssen Kommunen achten, die solche Programme auflegen, damit die Wirkung nicht verpufft?

Bilsky: Es ist wichtig, dass die Wirkung der Maßnahmen tatsächlich nachgewiesen wird. Wir beobachten, dass die Politik sehr schnell mit Programmen bei der Hand ist, wenn etwas passiert ist. Die Langfristige Vorbeugung kommt aber noch zu kurz.

Lösel: Wir appellieren, genau zu schauen, was wirklich hilft, genau wie in der Medizin. Da muss die Ärzte ja auch interessieren, welche Therapie heilt und was unnütz ist.

Gibt es Beispiele für gelungene Kriminalprävention?

Lösel: In Nordamerika mehr als in Deutschland. Ich kann aber aus meiner Erfahrung von unserem Projekt in Erlangen und Nürnberg berichten. Seit zehn Jahren untersuchen wir Kita-Kinder und ihre Eltern. Da geht es um soziales Verhalten der Kinder und Erziehungsfragen bei den Eltern. Kinder, deren Familien teilgenommen haben, entwickeln seltener Verhaltensprobleme als solche, die nicht dabei waren.

Die Kinder aus dem Projekt sind aber noch nicht erwachsen . . .

Lösel: Schon, aber die Karriere von sogenannten Intensivtätern beginnt meist schon im Kindesalter. Der harte Kern derer, mit denen sich später die Justiz immer wieder zu beschäftigen hat, bildet sich da heraus. Etwa fünf Prozent eines Jahrgangs werden früh straffällig. Die Hälfte dieser „Frühstarter“ fängt sich im Laufe der Jugend. Auf das Konto der übrigen geht aber rund die Hälfte aller Raubüberfälle, Diebstähle oder Gewaltdelikte.

Dann müsste sich ja mit wirksamen Präventionsprogrammen die Verbrechensstatistik entscheidend beeinflussen lassen . . .

Lösel: Solche Maßnahmen sind kein Allheilmittel. Aber wir sehen, dass sich durch gute wissenschaftlich evaluierte Maßnahmen tatsächlich die Zahl potenzieller Straftäter verringern lässt. Das spart der Gesellschaft auch eine Menge Kosten: Ein Mensch mit einer kriminellen Karriere kostet den Staat bis zu 1,5 Millionen Euro zum, Beispiel für Strafvollzug, Gerichtskosten, Jugendhilfe und Psychiatrie.

Apropos Strafvollzug: Wie wirksam sind mit Blick auf die Verhütung weiterer Taten denn die Strafen?

Lösel: Wir wissen ja aus vielen Untersuchungen, dass die Härte der Strafe keinen Einfluss auf die Rückfälligkeit hat. Wer zum ersten Mal im Gefängnis eine Strafe verbüßt, unterliegt sogar einer höheren Gefahr, erneut Straftaten zu begehen, als Täter, die keine Freiheitsstrafe verbüßen müssen.

Hätten in dieser Woche die Richter in Berlin den 18-jährigen U-Bahn-Schläger, der sein Opfer im Frühjahr fast totgetreten hat, besser ohne Gefängnisstraße davonkommen lassen?

Lösel: Die Verhinderung weiterer Straftaten beim Täter ist ja ein wichtiger, aber eben nur ein Aspekt bei einer Verurteilung. Es geht ja auch um die Signalfunktion an die Bevölkerung - und darum, dass eine Strafe der Schuld, die jemand auf sich geladen hat, angemessen sein muss. In Deutschland gehen die Richter aus gutem Grund zurückhaltend mit Freiheitsstrafen um.

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