Bunte Szenen auf grauem Beton
Uwe Weitkamp stößt bei seinem letzten Gang durch den Bunker von „Klein-Muffi“ auf Wandmalereien aus der Nachkriegszeit

Münster -

Seine Waffe gegen das Vergessen ist eine Sony Handycam. Modell DCR PC 350. Baujahr 1989. Überall, wo er glaubt, dass ein Stück des alten Münster unwiederbringlich verloren geht, ist Uwe Weitkamp zur Stelle, hält das vom Abrissbagger bedrohte Gebäude in Film und Foto fest. Bannt es in Bits und Bytes auf seine Festplatte – für die Ewigkeit. So wie den Hochbunker in der Ottostraße, der in diesen Wochen in faustgroße Portionen zerlegt wird. Bei seinem letzten Gang durch die dunklen Räume stieß der 53-Jährige vor zwei Wochen auf etwas, was er niemals in einem Luftschutzbunker vermutet hätte: Wandmalereien.

Freitag, 04.11.2011, 23:11 Uhr

„Ich bin stadtgeschichtlich interessiert“, sagt Uwe Weitkamp , der bei der Landwirtschaftskammer seine Brötchen verdient. Deshalb macht er sich immer wieder auf den Weg, um alte Gebäude abzulichten – im Gepäck seine Sony . Den Bunker an der Lotharingerstraße hat er kurz vor dessen Sprengung festgehalten. Durch die WN-Berichterstattung wurde er unlängst auf die Sprengung des Bunkers an der Ottostraße aufmerksam. Im September hat er den grauen Betonklotz in „ Klein-Muffi “ von außen abgelichtet. Vor knapp zwei Wochen bot sich ihm dann die Gelegenheit, den Bunker von innen zu besichtigen. Der Strom war längst abgestellt, die Baustelle für die Sprengung eingerichtet. Von der Ottostraße ging es in das Innere des Gebäudes, das in Kriegszeiten bis zu 1100 Personen Schutz bieten konnte. Der erste Eindruck: „Unspektakulär.“ Lange, kahle Flure, von denen kleine Räume abgehen. Im linken Bereich des Bunkers Toiletten, die Mitte der 80er Jahre beim Umbau des Bunkers für den Zivilschutz eingesetzt wurden. Weitkamp: „Das war schon alles recht modern.“
Auf den übrigen Etagen des Bunkers das gleiche Bild. Bis auf die zweite Etage. „Vom Treppenhaus kam man direkt in einen größeren Raum mit drei Wänden. Und alle Wände waren bemalt.“ Auf der linken Seite eine in Brauntönen gehaltene Landszene. Das Bild zeigt einen Saatgut ausbringenden Bauern, vermutet Weitkamp. Darunter steht in geschwungenen Buchstaben: „Heimatland“. Auf der gegenüberliegenden Seite landsmannschaftliche Wappen aus den früheren deutschen Ostgebieten. Königsberg, Posen, Pommern, Stettin, Oberschlesien. Vermutlich Relikte der Nachkriegszeit, als der Hochbunker Flüchtlingen, Vertriebenen und entlassenen Soldaten als Notunterkunft diente.
Das größte Wandbild entdeckte Weitkamp auf der Stirnseite des Raumes. Ein großflächiges, heiteres Gemälde, das zwei tanzende Männer zeigt. Im Hintergrund zwei im Gras hockende Gesellen, die musizieren. An einem Zaun lehnt ein weiterer Mann. Er liest in einem Buch. Das Bild ist offensichtlich einem Gemälde von Otto Quante mit dem Titel „Frühlingstanz“ nachempfunden. Der 1947 in Naumburg an der Saale verstorbene Maler wurde durch seine Kaltnadelradierungen mit Motiven aus Landstreicherkreisen bekannt. Unter dem Bild steht der Quante-Spruch: „Ruhe mit Würde, wer das erreicht, hat des Lebens Gipfel erklommen; ihm ist, da der Alltag schweigt, ewiger Sonntag gekommen“. Das Wort Sonntag ist durch rote Schrift besonders hervorgehoben.
Die Wandmalereien werden bald verschwunden sein, begraben unter Tonnen von Beton . Auf der Festplatte von Uwe Weitkamps Computer werden sie weiter existieren.

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