Hinter jedem Stuhl steht ein Mensch
Über 250 Stühle in der Kreuzkirche / Samstag und Sonntag soll alles wieder abgeholt werden

Münster -

Kirche ohne Bänke? Ein konservatives katholisches Internetportal kritisiert das Kunstprojekt der Heilig-Kreuz-Gemeinde bereits als „Kirchenschändung“. Die Idee der Künstlerin Sara Dietrich „Change Places“ regt zur Diskussion an. Drei Wochen konnten Anwohner Stühle in die Kirche bringen. Zu sehen ist ein Sammelsurium von Stühlen, Liegen, Sesseln, Liegesäcken – bis zum Rollstuhl. WN-Redakteur Günter Benning sprach darüber mit Pfarrer Thomas Frings.

Mittwoch, 29.12.2010, 14:12 Uhr

250 Sitzgelegenheiten – hätten Sie das erwartet?

Frings : Überhaupt nicht. Ich hatte gesagt, 50 müssten es sein, ab 100 bin ich zufrieden. Das bin ich nicht schnell. 250, das ist ganz enorm. Und es geht nicht nur um die Zahl, sondern um das, was rundherum passiert. Sie können hier jederzeit hereingekommen, sie finden immer Leute, die rumlaufen, sich hinsetzen, den Raum betrachten.

Sind auch Jüngere dabei?

Frings: Ja, ganze Schulklassen von den umliegenden Gymnasien. Man merkt, es wurde über das Projekt gesprochen, ohne, dass wir dazu eingeladen hätten. Heute Mittag war ich in der Kirche, da war eine Klasse vom Schlaun-Gymnasium da und die Künstlerin Sara Dietrich kam zufällig vorbei. Da haben die Schüler applaudiert. Das ist schön.

Eigentlich sollte man alles so lassen, oder?

Frings: Das sollte man nicht, das ist eine Ausnahme. Aber ich finde es schön, dass auch aus der Gemeinde Leute antreten, die dafür kämpfen wollen, dass die Stühle bleiben. Ich werde für die Bänke kämpfen.

Glauben Sie, dass Sie Kreise angesprochen haben, die der Kirche fern stehen?

Frings: Das weiß ich. Allein schon die Schulklassen – die kommen doch sonst nicht. Am Wochenende merken wir, dass die Kirche deutlich besser besucht wird als sonst. Und bei den liturgischen Wechselgesängen – „der Herr sei mit Euch“ – kommen nur dünne Antworten. Es sind viele da, die die Antwort nicht kennen. Das freut mich besonders.

Hat das Projekt für Sie eine Langzeitwirkung?

Frings: Das dürfen Sie mich nicht fragen. Wenn ich diese Frage anlegen würde, dann dürfte ich auch keine Erstkommunion-Vorbereitung und keine Taufen machen. Aber Heilig Kreuz steht jetzt für ein bestimmtes Thema. Und ein positiv besetztes Bild bei den meisten Leuten.. Das macht mich glücklich.

Hier steht auch ein Rollstuhl. Wird der nicht vermisst?

Frings: Scherzhafterweise habe ich gesagt, wir sollten das nach Rom melden. Vermutlich ist einer mit dem Rollstuhl gekommen und konnte nach dem Gottesdienst gehen. Ich komme aus der Nähe von Kevelaer , da ist man mit Wundern etwas vertrauter. Ich fand, der Rollstuhl ist ein schönes Zeichen. Die Schüler, die heute morgen da waren, sind damit durch die Kirche gefahren, ohne dass sie ein Rennen veranstaltet haben.

Es gibt hier sehr viele unterschiedliche Stühle. Einige sind bemalt, alle stehen für Individuen. Was bewegt das bei den Leuten, die sich darauf setzen?

Frings: Das kann ich nicht sagen. Aber wir haben in den Pfarrgremien darüber gesprochen. Da kam die Idee, wir müssten eigentlich ein Buch anlegen mit den Geschichten der Stühle. Sehen Sie, diesen alten Schreibtischstuhl hat jemand für die Caritas gestiftet. Der weiße Stuhl ist aus dem 18. Jahrhundert, von der Ururgroßmutter der Besitzerin. Hier ist ein Stuhl, der erinnert an die Kriegsgefangenen, die keinen Platz in den Bunkern bekamen. Da hinten ist ein afrikanischer Stuhl. Der Besitzer hat jahrelang in Afrika gelebt.

Und am Wochenende ist alles vorbei?

Frings: Ja, wir bitten alle Stuhlbesitzer, ihre Stühle wieder mitzunehmen. Sicher werden noch einige bleiben, die stellen wir dann an den Rand. Und dann kommen die Bänke wieder in die Kirche. 

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