Uni-Türme
Architekturkritiker plädiert für mehr Wohnen am Bahnhof

Freitag, 25.11.2011, 20:11 Uhr

Münster - Die Debatte über das geplante Studentenwohnheim am Bahnhof schlägt hohe Wellen. Unser Redakteur Klaus Baumeister sprach über das Thema mit dem Architekturkritiker Stefan Rethfeld .

Herr Rethfeld, haben Münsteraner Angst vor Hochhäusern ?

Rethfeld: Nein, es gibt durchaus Hochhäuser der 1920er und 1960er Jahre, mit denen die Münsteraner sehr gut leben können, etwa die Raphaelsklinik oder das Iduna-Hochhaus. Die Münsteraner erwarten aber von der Stadt einen verantwortlichen Umgang bei der Planung von Hochhäusern. Es fehlt ein Hochhausplan. Frankfurt, Düsseldorf, Innsbruck könnten Vorbild sein.

Haben Sie Beispiele für Hochhäuser, die aus Ihrer Sicht misslungen sind?

Rethfeld: Ja, vom Standort her halte ich das Bült-Hochhaus aus den 1960er -Jahren und das jüngst erst errichtete Hochhaus am Pottkamp (Kardinal-von-Galen-Ring) für städtebaulich ungünstig und überflüssig. Und unter Wert genutzt sind das Conti-Hochhaus und Stadthaus I. In beiden wird die Höhe nicht öffentlich erlebbar gemacht. Das ist verschenktes Potenzial.

Verträgt das Bahnhofsumfeld ein 50 Meter hohes Gebäude?

Rethefeld: Der Bahnhofsbereich ist gerade einmal 120 Jahre alt und damit in der Stadtgeschichte ein eher junges Quartier. Es wurde in zwei Schüben angelegt, erst in der Gründerzeit, dann in den 1950er Jahren - und verstand sich stets als repräsentativ und modern zugleich. Es ist ein Gebiet mit großen Maßstäben und langen Straßen. Ein solches Gebiet kann ein hohes Haus vertragen.

Der Gestaltungsbeirat der Stadt hat dem Hochhaus-Projekt zugestimmt, viele Kommunalpolitiker äußern aber Bedenken.  Da die Entscheidungshoheit bei der Politik liegt, stellt sich die Frage, wofür der Gestaltungsbeirat überhaupt benötigt wird?

Rethfeld: Der Gestaltungsbeirat könnte ein gutes Instrument sein. Aktuell leidet der Beirat aber darunter, dass er zu spät mit einbezogen wird und selbst zu defensiv ist. Er könnte zum Beispiel in Arbeitsgruppen Strategieräume in der Stadt auch vorbereiten. Die Planungspolitik ist überfordert, weil über Einzelprojekte diskutiert wird, zugleich aber Leitlinien fehlen, etwa für das Bahnhofsviertel. Das führt zu Konfrontationen an falschen Stellen.

Wie könnte die Alternative aussehen?

Rethfeld: Man müsste das Bahnhofsviertel zum Projektraum erklären und Leitlinien entwickeln, die nachhaltige Kooperationen gewährleisten sowie die Attraktivität des Bahnhofs steigern, für Planungssicherheit sorgen - und die letztlich zu einem ganzen Maßnahmenpaket führen bis hin zu einzelnen Neu- und Umbauten. Wichtig ist auch die Vermittlung des Prozesses gegenüber dem Bürger. Vielleicht müsste man dafür ein Jahr lang die oberste Etage des Conti-Hotels als zentralen Treffpunkt anmieten. Denn was momentan fehlt, ist Vertrauen und Kreativität. Auch die Bahnhofsneubaupläne gehören längst in ein übergreifendes Konzept miteinbezogen. Ansonsten irrlichtert man von einer Einzelidee zur nächsten wie momentan.

Zurück zum Hauptbahnhof: Ist es sinnvoll, dort Wohnungen auszuweisen?

Rethfeld: Ja, absolut. Eine der Leitlinien stellt sicher „Wohnen und Wohnumfeld“ dar. Noch leben hier nur rund 1200 Einwohner, wir brauchen eine Perspektive für deutlich mehr. Das Hochhaus könnte ein Signal sein - am besten in einer Struktur verschiedener Wohnformen, für Studenten, Senioren und Boarding-Gäste. Die aktuelle Planung ist mir zu wenig ambitioniert. Noch verfügt das Hochhaus über keine konzeptionelle Idee - hier sind die Architekten gefordert.

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