Wahnsinn stirbt im Schnee
Theater Sycorax zeigte Uraufführung von „Ich bin vergessne Weiten“ im Pumpenhaus

Münster -

Einblicke in die Welt des Wahnsinns gewährt das Theater Sycorax im Pumpenhaus. Mit der Uraufführung des Bühnenstücks „Ich bin vergessne Weiten“ am Mittwochabend brachte das Ensemble unter der Regie von Paula Artkamp und Manfred Kerklau ein Werk des selbst im Wahnsinn gefangenen Schriftstellers Robert Walser auf die Bühne.

Freitag, 04.11.2011, 20:11 Uhr

Die Charaktere übertreten stets die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn . Sie lassen den Zuschauer suchend zurück, welcher Dialog nun dem klaren Verstand entspringt. In zahlreichen aufeinander folgenden Szenen sprechen die Figuren zwar zueinander jedoch nicht miteinander. Sie räsonieren als Insassen einer Nervenheilanstalt über ihre „Schrullen“, bleiben aber in ihren gestörten Dialogen stets Außenseiter unter den Verirrten.
Den Schauspielern gelingt es dabei auf eindrucksvolle Weise dem Wahnsinn ihrer Figuren ein Gesicht zu geben. Das Stück greift zudem biografische Elemente des sonderbaren Schriftstellers auf. Robert Walser , geboren 1878 im schweizerischen Biel , erzielte durch erste Veröffentlichungen kurzzeitige Achtungserfolge, ein nachhaltiger literarischer Erfolg bliebt ihm zu Lebzeiten jedoch verwehrt. Nachdem Walser jahrzehntelang eine ärmliche Existenz führte, geriet er 1929 in Folge einer persönlichen Krise in die Psychiatrie, die er bis zu seinem Lebensende nicht wieder verließ. Erst nach seinem Tod fanden sich hunderte, in Kleinstschrift verfasste literarische Mikrogramme des verkannten Autors. Seine Beobachtungen einer entrückten Wirklichkeit belegen den klaren Blick des Wahnsinnigen auf das vermeintlich Normale.
„Im anscheinend Minderwertigen entsteht das Überlegene“, stellte einer der Charaktere fest. Walser beschreibt das Leben hinter den Mauern der Psychiatrie, deren Insassen in ihrem Irrsinn gefangen sind und vom Pflegepersonal auf stumpfe Gebärden dressiert werden. Dabei tragen die Charaktere abwechselnd die biografischen Züge ihres Schöpfers. Schließlich jedoch ereilt alle Figuren das gleiche Schicksal wie Walser selbst. Von einem einsamen Spaziergang in den hellen Wintertag am Weihnachtstag 1956 kehrte der Schriftsteller nicht zurück. Der anonyme Patient lag ausgestreckt tot im Schnee.
Aufführungen sind diesen Freitag, Samstag und Sonntag um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: ' 23 34 43.

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