Brücke zur Anwendung
Klaus Niederdrenk und Peter Funke machen sich für Care-Forschungsinstitut stark

Münster -

Die Förderung des Care-Instituts (Centrum für angewandte regenerative Entwicklungstechnologie) zur Medikamentenentwicklung am Max-Planck-Institut in Münster steht bekanntlich auf der Kippe. Die ursprünglich vom Land zugesagte 60-Millionen-Euro-Finanzierung ist bisher nicht im Haushaltsentwurf vermerkt, das Projekt droht für das Land und Münster verloren zu gehen. Über die Bedeutung des Forschungstransfers sprach WN-Redakteurin Karin Völker mit zwei Vertretern der wichtigsten Wissenschaftsorganisationen in Deutschland: Prof. Klaus Niederdrenk, ehemaliger FH-Rektor, ist Mitglied des Wissenschaftsrates, Prof. Dr. Peter Funke, ehemaliger WWU-Prorektor, ist Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Donnerstag, 05.01.2012, 18:01 Uhr

Brücke zur Anwendung : Klaus Niederdrenk und Peter Funke machen sich für Care-Forschungsinstitut stark
Machen sich für das Care-Institut stark: Klaus Niederdrenk (l.) und Peter Funke. Foto: kv

Befürworten Wissenschaftsorganisationen wie DFG und Wissenschaftsrat die Förderung eines langfristig auf wirtschaftlichen Erfolg gerichteten Projekts wie das Care-Institut?

Funke : Unbedingt. Ein zentrales Ziel der Wissenschaftsförderung in Deutschland ist es, die vielfältigen Ergebnisse der von ihr unterstützten Grundlagenforschung in alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft hineinzutransportieren, um sie nutzbar zu machen und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft zu stärken. Hier fehlt es oft immer noch an geeigneten Instrumenten.

Und das Care-Institut böte dazu eine Chance?

Niederdrenk: Ich sehe das Care-Institut als Musterbeispiel für eine staatliche Anschubfinanzierung, wie sie der Wissenschaftsrat schon vor vier Jahren in seinen Empfehlungen zur Interaktion von Wissenschaft und Wirtschaft gefordert hat. Und man muss wissen: Was der Wissenschaftsrat verabschiedet, hat die breite Zustimmung einerseits der Bundes- und Länderregierungen, vertreten durch ihre Wissenschaftsministerien, und andererseits der wissenschaftlichen Seite. Man stimmte schon damals einvernehmlich darin überein, durch politische Initiativen verstärkt eine konkurrenzfähige vorwettbewerbliche Forschung und Entwicklung zu realisieren, die akademisch und ökonomisch von hoher Relevanz ist. Genau das trifft auf Care zu.

In der Debatte um Care taucht wiederholt die Vermutung auf, der Staat könnte hier die Pharmaindustrie subventionieren.

Niederdrenk: Das ist, wenn Care als gemeinnütziges Institut Forschung betreibt, nicht der Fall. Am Max-Planck-Institut werden Stammzellen künstlich entwickelt und untersucht. Care würde dann mittels solcher Stammzellen Krankheiten gleichsam in die Kulturschale holen und Wirkstoffe identifizieren. Sowohl Verfahren als auch Wirkstoffe könnten von Pharmaunternehmen erworben und dann zu den eigentlichen Medikamenten weiterentwickelt werden. Mit Care würde auf diese Weise eine Infrastruktur gefördert, die die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse erst ermöglicht

Funke: Es geht bei Care eben nicht um die Subvention der Endverwertung eines Produktes, sondern um die Schaffung eines Bindeglieds zwischen der Grundlagenforschung und der Verwertung ihrer Ergebnisse. Es muss uns ein Brückenschlag zwischen Forschung und Anwendung gelingen, denn nur so können wir die Konkurrenzfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Deutschland weltweit sichern. Care wird in einem der derzeit wichtigsten Forschungsbereiche eine solche Brücke bilden können.

Seht denn die Konkurrenzfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Deutschland auf dem Spiel, wenn das Care-Institut hier nicht realisiert wird?

Niederdrenk: Jedenfalls wäre es dann eine unglaublich große verpasste Chance. Nordrhein-Westfalen könnte führend in einer völlig neuartigen und effizienten Entwicklung von Medikamenten werden, die auf äußerst kostenintensive klinische Prüfungen verzichtet und daher zur Kostenreduktion und gleichzeitig zur Qualitätssteigerung beiträgt. Man könnte zudem bestimmte Nebenwirkungen frühzeitig erkennen, wodurch sich problematische Medikamente ausschließen lassen, ohne dafür erst zahlreiche Tiere unnötig einzusetzen.

Funke: Das bietet nicht nur eine ungeheure Chance für die Arzneimittelhersteller. Viel wichtiger ist der Nutzen für unsere Gesellschaft. Denn es besteht die realistische Möglichkeit, dass Medikamente für bisher unheilbare Krankheiten entwickelt und dass Therapien verbessert werden. Für viele kranke Menschen ist das eine große Hoffnung.

Die ohne Care einfach verspielt würde?

Niederdrenk: Natürlich hätten wir in unserer globalisierten Welt auch Zugang zu Medikamenten, die anderswo entwickelt würden. Der Wissenschaftsrat betont die Bedeutung einer unmittelbaren Nachbarschaft zu wissenschaftlichen Einrichtungen für den Aufbau nachhaltiger Kooperationsformen zur Wirtschaft. Und die weltweit führende Stammzellforschung findet in Münster statt.

Funke: Wir sind uns sicher, dass die öffentliche Anschubfinanzierung von Bund und Land für Care eine Hebelwirkung auslöst, die die damit verbundene Wertschöpfung langfristig für NRW sichern wird.

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