Interview
Rechtsextremismus: Die Beratungsstelle „Mobim“ hilft bei der Abwehr

Münster -

Seit Bekanntwerden der Morde der Zwickauer Terrorzelle und nach dem Aufruf von Neonazis zu einer Demonstration in Münster am 3. März haben Heiko Klare und Michael Sturm noch mehr zu tun als zuvor. Der Diplom-Pädagoge und der Historiker sind „Mobim“, das durch das Bundesfamilienministerium finanzierte Projekt „Mobile Beratung im Regierungsbezirk Münster gegen Rechtsextremismus für Demokratie“ im Geschichtsort Villa ten Hompel. Überall, wo Menschen sich mit aufkeimendem Rassismus und neonazistischen Tendenzen auseinandersetzen müssen, sind die beiden zur Stelle, berichten Klare und Sturm im Interview mit WN-Redakteurin Karin Völker.

Sonntag, 29.01.2012, 12:01 Uhr

Interview : Rechtsextremismus: Die Beratungsstelle „Mobim“ hilft bei der Abwehr
Heiko Klare (l.) und Michael Sturm sind „Mobim“, die mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Ihr Arbeitsplatz ist in der Villa ten Hompel. Foto: kv

Nach Darstellung der Polizei ist Rechtsextremismus in Münster und im Münsterland kein besonders virulentes Thema. Widersprechen Sie?

Sturm : Die Polizei konzentriert sich auf strafrechtlich relevante Aspekte, zum Beispiel Gewaltdelikte – und da hat sie sicher recht. Es gibt nicht viele Straftaten von Rechtsextremisten. Wir haben aber eher den sozialen Blick. Und da gibt es sehr wohl rechtsextremistische Tendenzen.

Wer fragt ihre Beratung denn konkret nach?

Klare : Wir besuchen Jugendämter, aber auch Sportvereine, Schulklassen oder Jugendgruppen. Ein aktueller Fall ist zum Beispiel eine Jugendfeuerwehr-Gruppe. Dort verbreiten einige Jugendliche latent rassistische Meinungen. Und die Leiter wollen wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Und was empfehlen Sie in einem solchen Fall?

Sturm: Es ist immer richtig, diejenigen, die rassistische Einstellungen verbreiten, anzusprechen, dies in der Gruppe zum Thema zu machen. Wenn kein Widerspruch kommt, ist die Gefahr groß, dass die Betreffenden sich bestätigt fühlen.

Klare: Das Vorhandensein rechtsextremistischer Einstellungen macht sich ja in der öffentlichen Wahrnehmung daran fest, wie entschieden Widerspruch geübt wird. Das ist ja auch bei Neonazi-Demonstrationen zu beobachten.

Rechnen Sie mit Widerstand bei der bevorstehenden Demo in Münster?

Klare: Darüber machen sich hier viele Gruppen zurzeit Gedanken. Aber es ist ja noch lange nicht klar, wo in Münster die Demonstration überhaupt stattfinden wird.

Sturm: An Orten, wo Neonazis aufmarschieren, werden mitunter sehr kreative Wege gefunden, um möglichst friedlich und zahlreich Flagge gegen den Rechtsextremismus zu zeigen. In einem bayerischen Ort zum Beispiel, wo Nazi-Aufmärsche zuerst stillschweigend geduldet wurden, sind schließlich Straßenfeste zum Protest umfunktioniert worden. Zu einem Straßenfest kommen erfahrungsgemäß viel mehr Menschen, als wenn zu einer Demo gegen Nazis aufgerufen wird. Die Organisatoren nannten ihre Strategie „Bratwurst und Blockade“.

Wie stark sind die Neonazis, die in Münster zu der Demonstration aufrufen?

Klare: In Münster gibt es eine relativ kleine Gruppe, die sich „Nationale Sozialisten“ nennt. Das sind vielleicht zehn Personen. Sie sind aber mit anderen rechtsextremen Gruppen, etwa im Ruhrgebiet und anderen Regionen, gut vernetzt und können bei Bedarf einen relativ großen Kreis mobilisieren, beispielsweise zu einer Demonstration, wie sie in Münster geplant ist.

Wer sind die Mitglieder – sind es Skinheads, die in der Öffentlichkeit ihre Gesinnung zur Schau tragen?

Sturm: Skinheads prägen die Szene inzwischen nicht mehr. Die rechtsextrem orientierten Jugendlichen kleiden sich ähnlich wie die Anhänger linksautonomer Strömungen: Kapuzenpullover, Sonnenbrille, Baseball-Cap. Dieses Outfit gilt als chic. Die Gruppen inszenieren eine spezielle Jugendkultur, die signalisiert: „rechts sein ist in“.

Klare: Den Gruppen gehören auch nicht mehr vorwiegend junge, arbeitslose Männer mit niedrigem Bildungsabschluss an. Es sind auch Studenten unter ihnen.

Die Neonazis rufen zur Demonstration mit dem Slogan „Freiheit, Selbstbestimmung und Zukunft“ auf – das ist sehr allgemein formuliert und transportiert zunächst keine rechtsextremen Inhalte.

Klare: Richtig. Und bei vielen Punkten, die Neonazis ansprechen, gibt es Überschneidungen mit Kritik, die in weiten Teilen der Bevölkerung geübt wird. Zum Beispiel an der Globalisierung, am Kapitalismus, der Macht der Banken oder sozial ungerechten Verhältnissen. Für diese sehr komplexen Probleme haben sie aber nur die simple Antwort, die sich mit dem Motto „Zurück zur Nation“ und den entsprechend rassistischen Parolen zusammenfassen lässt.

Durch ihre Beratungs-Arbeit, allgemein durch Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, wird den Rechtsextremisten viel Aufmerksamkeit geschenkt. Fühlen sie sich dadurch nicht bestärkt?

Sturm: Möglicherweise freuen sie sich über die Aufmerksamkeit. Aber unsere Erfahrung ist: Wo die Menschen die Neonazis ignorieren, kommen sie wieder und nehmen öffentliche Räume in Besitz. Durch stillschweigende Duldung werden sie stärker, nicht durch Sensibilisierung und Widerstand der Zivilgesellschaft.

Klare: Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass Aufrufe und Aufmärsche von Neonazis zum Beispiel bei Migranten durchaus Bedrohungsgefühle auslösen. Und für die Zuwanderer ist es wichtig, dass sich die Bevölkerung mit ihnen solidarisiert und bei dieser Gelegenheit ihre Gemeinsamkeit zeigen.  

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/645329?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597155%2F597156%2F
Liveblog: So hat Europa gewählt
Europawahl: Liveblog: So hat Europa gewählt
Nachrichten-Ticker