Pro und Kontra
Streitfall Hindenburgplatz: Zwei Historiker - zwei Meinungen

Eine Kommission unter Leitung von Oberbürgermeister Markus Lewe empfiehlt, den Namen Hindenburgplatz aufzugeben. Darüber soll der Rat der Stadt am 21. März entscheiden. Angesichts der intensiven öffentlichen Debatte über diesen Vorschlag lässt unsere Zeitung die beiden Historiker Prof. Dr. Wolfgang Jacobmeyer und Prof. Dr. Alfons Kenkmann in einem Streitgespräch zu Wort kommen.

Samstag, 25.02.2012, 07:02 Uhr

Herr Prof. Jacobmeyer , aller Voraussicht nach wird der Rat am 21. März beschließen, den Hindenburgplatz umzubenennen. Ärgert Sie das?

Jacobmeyer: Nein, das ärgert mich nicht. In meinem Alter muss man seinen Blutdruck für solche Themen nicht beanspruchen. Ich halte die Entscheidung aber, wenn sie denn kommen sollte, für falsch.

Warum?

Jacobmeyer: Ich weiß nicht, worum es überhaupt geht. Geht es um einen Tadel an der Entscheidung des münsterischen Rates von 1927, den damaligen Neuplatz in Hindenburgplatz umzubenennen? Oder geht es darum, den Hindenburg der 1930er Jahre zu kritisieren? Jedenfalls wäre es eine öffentliche Entehrung.

Herr Prof. Kenkmann , die Gegenfrage: Wie würden Sie reagieren, wenn es nicht zu einer Umbenennung käme?

Kenkmann: Ich würde das akzeptieren, weil es eine Entscheidung des Rates ist. Ich hätte aber wenig Verständnis für die Entscheidung, da ich beim Blick auf die Biografie Hindenburgs nur wenig entdecke, was eine Ehrung verdient.

Viele Münsteraner reklamieren eine Art Gewohnheitsrecht für den Namen Hindenburgplatz. Wie sehen Sie das?

Jacobmeyer: Gewohnheitsrecht fußt auf der mittelalterlichen Vorstellung, wonach altes Recht gutes Recht ist. Das passt hier nicht. Es geht nicht um Recht.

Kenkmann: Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Das Gewohnheitsrecht passt schon deshalb nicht, weil viele ältere Münsteraner noch die alte Bezeichnung Neuplatz kennen und auch vom Neuplatz sprechen. Das hängt damit zusammen, dass das katholische Milieu in Münster seinerzeit Distanz gegenüber dem Protestanten Hindenburg wahrte.

Jacobmeyer: Die Akte zur Umbenennung 1927 ist aber sehr dünn. Bei den politischen Parteien herrschte damals großer Konsens in der Frage der Umbenennung. Konfessionelle Vorbehalte waren, wenn überhaupt, bei der Integrationsfigur Hindenburg ohne Gewicht.

Kenkmann: Da stimme ich Ihnen zu. Hindenburg wurde als Mittlerfigur gesehen, deshalb wurde zu seinem 80. Geburtstag ein Platz nach ihm benannt. Aber schon 1927 hatte er diese Ehrung nicht verdient.

Die Festlegung auf den Namen Hindenburgplatz erfolgte gut fünf Jahre vor dem Beginn der NS-Diktatur. Was bedeutet dieser Sachverhalt für die aktuelle Namensdebatte?

Kenkmann: Es ist richtig, dass Hindenburgs Konzept zur „nationalen Einigung“, welche in den Nationalsozialismus mündete, erst 1930 zum Tragen kam. Aber der Umstand, dass der Erfinder der Dolchstoßlegende 1927 in Münster geehrt wurde, sagt viel über den damaligen Zustand der regierenden Zentrums-Partei aus.

Jacobmeyer: In der Tat, Hindenburg war ein geschickter Mann, der es verstand, sich ins rechte Licht zu rücken. Aber er war doch auch honorig und besaß breite demokratische Legitimation.

Kenkmann: Ich finde, wir können die Zeit vor 1927 nicht ausblenden. Hindenburg war Teil einer Generalität, die das militärische Scheitern und Hunderttausende von Toten im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 zu verantworten hatte. Trotzdem war er es, der in der Weimarer Republik die völlig abwegige Erklärung vortrug, die Heimatfront sei der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen. Das Gift der Dolchstoßlegende belastete die junge Weimarer Republik enorm. Das ist ein Fakt. Auch seine anti-parlamentarische Ausrichtung war schon vor 1927 erkennbar.

Kommen wir zum 30. Januar 1933, als Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte . . .

Jacobmeyer: . . . Mit der Mahnung, „zum Wohl des Volkes in voller Einigkeit zusammenzustehen“. Aber wenn man Geschichtspolitik in Münster machen will, dann muss man bei den Regeln der Wissenschaft bleiben. Ich kritisiere hier, wie der Art. 48 der Weimarer Verfassung in der Rathaus-Ausstellung zitiert wird, nämlich nur mit dem ersten Teil. Das ist ein unstatthafter Versuch, Hindenburg allein verantwortlich zu machen. Denn die Mitverantwortung der Parteien wird dadurch ausgeblendet. Mit dieser Auslassung befindet sich die Ausstellung an der Grenze zur Agitation. Das ist ein elementarer Fehler, den ich keinem Studenten durchgehen lassen würde.

Kenkmann: Das sehe ich nicht so. In den Jahren 1930 bis 33 befand sich die Weimarer Republik in einem permanenten Ausnahmezustand, mit der Folge, dass die weitreichenden Befugnisse des Reichspräsidenten – ich nenne das Stichwort Notverordnungen – voll zum Tragen kamen. Hindenburg hat Hitler ernannt und sofort den Reichstag aufgelöst und damit bewusst die Einspruchsmöglichkeit des Reichstages gegen seine Entscheidung verhindert.

Hat sich Hindenburg mit der Ernennung Hitlers schuldig gemacht?

Jacobmeyer: Die erste Frage dazu ist doch, welcher Hitler gemeint ist. Hitler war damals nicht der, der er für uns geworden ist. Denn wir kennen die ganze Geschichte der Jahre 1933 bis 1945. Dann muss man fragen, weshalb Hindenburg Hitler die Macht überlassen hat, nachdem er sich 1932 drei Mal dezidiert dagegen gewehrt hatte. Die Ernennung des Reichskanzlers war seine Zuständigkeit; er wurde schlecht beraten; er sah keine Alternative. „Schuldig“?

Kenkmann: Hindenburg hat sich schuldig gemacht, kein Zweifel. Er hat Hitler in eine komfortable Lage gebracht. Wäre Hitler über den Weg eines gewaltsamen Umsturzes an die Macht gelangt, hätte er nie auf die Loyalität der Beamten, der Richter und der Offiziere zählen können. Diese Loyalität hat ihm Hindenburg verschafft.

Jacobmeyer: Beim Thema Schuld implizieren wir aber immer den späteren Hitler. Der nackte Vorgang, dass ein Reichspräsident einen Reichskanzler ernennt, ist keine Schuld.

Kenkmann: Die Unterscheidung zwischen einem frühen und einem späten Hitler halte ich nicht für hilfreich. Hitlers knallharter Antisemitismus war seit den 1920er Jahren bekannt. Der Boykott jüdischer Geschäfte, das Einrichten der ersten Konzentrationslager oder auch der Röhm-Putsch mit der Ermordung politischer Gegner – all das hat Hindenburg nicht zum Anlass genommen, Hitler als Reichskanzler wieder zu entlassen.

Jacobmeyer: Ich bleibe dabei: Die Kategorie Schuld ist hier mit Bezug auf Hindenburg nicht anwendbar.

Kenkmann: Nennen wir es Verantwortung.

Jacobmeyer: Darauf können wir uns einigen.

Nehmen wir Hindenburg als eine historisch belastete Persönlichkeit: Ist es denkbar, den 1927 als Ehrung gedachten Namen Hindenburgplatz heute als eine Mahnung darzustellen?

Kenkmann: Jede Generation muss neu darüber nachdenken, ob die seinerzeit ausgesprochene Ehrung noch angemessen ist. Eine Umdeutung des Namens in Richtung einer Mahnung würde erforderlich machen, dass eine Kommentierung an die Straßenschilder angebracht werden müsste. Sie würde im Falle Hindenburgs sehr lang ausfallen . . .

Jacobmeyer: . . . Man kann keine Vorlesung an ein Straßenschild pappen . . .

Kenkmann: . . . Richtig, deshalb muss es auch einen klaren Ratsbeschluss geben.

Jacobmeyer: Kommen wir zurück zum Begriff der Ehre: 1927 stellte der Name Hindenburgplatz eine Ehrung dar, seitdem ist er nichts anderes als eine Bezeichnung. Ich persönlich halte es mit dem Hindenburgplatz wie mit den Stolpersteinen in den Bürgersteigen. Sie regen mich zur Erinnerung an. Geschichte ist nicht nur das, was mir gefällt. Ich will Geschichte auch sperrig, widerborstig belassen; ich möchte beim Gang durch die Stadt keine historische Schonkost. Und wer verordnet sie mir denn? Deswegen kann ich mit einem Hindenburgplatz leben.

Kenkmann: Schonkost mag ich auch nicht. Trotzdem bin ich für eine Umbenennung. Es wäre ja möglich, auf einem ergänzenden Schild die beiden früheren Namen Hindenburgplatz und Neuplatz zu benennen.

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