Speicher vor der Sanierung
Industriegigant im Dornröschenschlaf

Münster -

Die Entscheidung, wie es mit dem Flechtheim- und dem Rhenus-Speicher im Hafen weitergeht, steht kurz bevor. Morgen diskutiert der Planungsausschuss über Pläne der Stadtwerke, in dem Ensemble das Borchert-Theater, Büros und ein Archiv unterzubringen. Die Entscheidung fällt voraussichtlich am Montag der Aufsichtsrat der Stadtwerke. Die Sanierung wird rund zehn Millionen Euro kosten.

Donnerstag, 08.03.2012, 10:03 Uhr

Der Rhenus-Speicher im Stadthafen ist gesichert wie ein Gefängnis. Erst schließt Stadtwerke-Mitarbeiter Ralf Kensbock ein Gittertor auf, dann die massive Stahltür dahinter. Als er sie aufstößt, strömt muffiger Geruch aus dem 1939 errichteten Gebäude.

Im Eingangsbereich befinden sich die früheren Sozialräume. Auf dem Boden liegen Wandkalender aus dem Jahr 2008, über einem Stuhl hängt ein buntes Handtuch. Man könnte meinen, dass die Mitarbeiter nur mal eben für eine Pause nach draußen gegangen sind. Dabei steht der Rhenus-Speicher seit fünf Jahren leer.

Nach wenigen Metern geht es durch eine weitere Tür in den eigentlichen Silo. Der Anblick ist atemberaubend. Von der Decke hängen 53 riesige Beton-Trichter, durch die 70 Jahre lang Getreidekörner prasselten. Sie wurden von Schiffen angeliefert, im Speicher zwischengelagert, dann in Säcke umgefüllt und auf Lkw weiterverladen – „per Hand“, wie Kensbock betont. Mehr als 10 000 Quadratmeter ist der Raum groß, genau so wie die sieben Geschosse darüber.

Nach den Plänen der Stadtwerke könnte in das Erdgeschoss des Rhenus-Speichers neben einem öffentlichen Ausstellungsraum das Wolfgang-Borchert-Theater einziehen, dessen Foyer würde sich dann im benachbarten Flechtheim-Speicher befinden.

In dem um 1900 errichteten Gebäude ist es stockdunkel, die Stadtwerke haben sämtliche Fenster mit Brettern verbarrikadiert – „aus Angst vor Vandalismus und wegen der Tauben“, sagt Kensbock. Während der Rhenus-Speicher die funktionale Kälte moderner Industriebauten des 20. Jahrhunderts ausstrahlt, wirkt der Flechtheim-Speicher – errichtet von der einst international tätigen Firma M. Flechtheim und Comp. – geradezu verspielt. Die Kapitelle der eisernen Mittelstützen muten ägyptisch an, der Dachstuhl ist kunstvoll gearbeitet. Der Geruch von feuchtem Holz tut sein Übriges. Nach den Plänen der Stadtwerke sollen hier Büros untergebracht werden.

Im Treppenhaus, das beide Speicher auf jeder Etage verbindet, wird die Taubenkot-Schicht immer dicker, je weiter man nach oben geht. Auf einer Stufe liegt ein skelettierter Vogel, an die Wand hat irgendjemand mit lila Farbe „Paul und Leos Raucherecke“ geschrieben. Es ist eiskalt und feucht, die Wände sind mit Wasserflecken übersät, teilweise ist der Putz abgeblättert. „Das schreit nach Revitalisierung“, sagt Kensbock – also nach einer neuen Nutzung. Es wird Millionen kosten, diese so offensichtlich sanierungsbedürftigen Gebäude wieder auf Vordermann zu bringen.

Das Treppenhaus endet in der neunten Etage des Rhenus-Speichers. Überall Taubenkot, zentimeterdick. Ein Scheinwerfer erhellt den hallenartigen Raum notdürftig. In einer Ecke stehen Maschinen, auf ihnen eine dicke Staubschicht, sie stehen seit Jahren still. Ein Archiv soll hier mal einziehen, möglicherweise auch noch weitere Büros, sagt Kensbock.

Der Rundgang ist beendet. Durch das feuchtkalte Treppenhaus geht es wieder runter ins Erdgeschoss, zurück in die kathedralenähnliche Halle des Rhenus-Speichers, vorbei an einem Haufen Späne und einem riesigen, nassen Ölfleck, vorbei am Sozialtrakt, der so aussieht, als würde er noch immer genutzt, schließlich ins Freie. Ralf Kensbock schließt wieder ab, damit kein Unbefugter in die Speicher gelangt.

Der Dornröschenschlaf des Industrieriesen geht weiter – doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis er endlich zu neuem Leben erwacht.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/675738?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597155%2F696279%2F
„Erster Platz im Aussitzen von Problemen“
Die bis heute fehlende Milieuschutzsatzung sorgte für Streit im Rat. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem das Hansa- und Hafenviertel.
Nachrichten-Ticker