Beginn der Schwulenbewegung in Münster
„Lieber warmer Bruder als kalter Krieger“

Ausgerechnet Münster. In der frommen Universitätsstadt mitten im ländlichen Westfalen wollten schwule Männer endlich für ihre Rechte auf die Straße gehen. Vor genau 40 Jahren - am 29. April 1972 - fand sie statt: Deutschlands erste Schwulendemo.

Freitag, 27.04.2012, 12:04 Uhr

Beginn der Schwulenbewegung in Münster : „Lieber warmer Bruder als kalter Krieger“
Martin Dannecker läuft 1972 in Münster bei der ersten Schwulendemo mit (Foto vom 29.04.2012). Foto: Archiv Rosa Geschichten Münster

Martin Dannecker lief mit und hatte Angst. „Die Stimmung war angespannt“, sagt er heute. „Ich fürchtete mich vor der Reaktion der Bevölkerung und möglichen Aggressionen.“ Fest umklammerte Dannecker sein Schild mit der Aufschrift: „Brüder & Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ Auf alten Bildern ist er als langhaariger Mann mit langem Trenchcoat und Brille zu erkennen. „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“, war auf einem anderen Pappschild zu lesen. Die Sprüche waren frech, doch die 200 jungen Demonstranten - alles Männer - wollten nicht nur provozieren. Sie wollten etwas in der Bundesrepublik verändern.

Der Beginn des Christopher Street Days

Manche Münsteraner spähten neugierig aus ihren Fenstern, erinnert sich Dannecker. Andere wandten sich beschämt ab. „Das war ja auch nicht verwunderlich“, sagt er. „Die Schwulenbewegung stand in Deutschland noch ganz am Anfang, und die Demo war hier quasi der Beginn des Christopher Street Days.“ Drei Jahre vorher, am 28. Juni 1969, war es in New York nach einer Polizei-Razzia in einer Szenebar zu einem Aufstand von Schwulen und Lesben gekommen, und bis heute wird an dieses Ereignis in der Christopher Street mit Umzügen und Straßenfesten erinnert. Nach der Demo in Münster dauerte es allerdings noch eine Weile bis sich in Deutschland größere Paraden zum „CSD“, dem Christopher Street Day, etablierten. „Bis dahin trafen sich Aktivisten und homosexuelle Gruppen noch nicht zielgerichtet“, erklärt Robert Kastl, Geschäftsführer des Berliner CSD, der erstmals im Sommer 1979 stattfand.

Coming-out konnte den Arbeitsplatz kosten

Am Protest in Münster nahmen vor allem Studenten teil, denn problemlos war ein öffentliches Bekenntnis nicht. Damals konnte ein Coming-out den Arbeitsplatz kosten. Schon 1969 hatte Westdeutschland zwar den Paragrafen 175 zur Strafbarkeit von Homosexualität aufgegeben. Gleichgeschlechtliche Beziehungen galten in den frühen 70er Jahren aber weiter als unsittlich. Auch deswegen bekannte sich ein Schwuler wie Manfred Bruns erst in den 80er Jahren zu seiner Sexualität. Bruns ist Mitglied des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland und war zum Zeitpunkt seines Coming-outs Bundesanwalt am Bundesgerichtshof. Im Jahr 1984 setzte dieses Gericht einen weiteren Meilenstein. Es urteilte, dass ein uneheliches Zusammenleben von Partnern gleichen oder verschiedenen Geschlechts nicht mehr als sittlich anstößig zu betrachten sei. Doch die Sektlaune war schnell verflogen.

Immunschwächekrankheit Aids sorgte für Vorurteile

Mit der Immunschwächekrankheit Aids breiteten sich Vorurteile aus. „Ab 1986 brach eine ungeheure Hysterie über Aids aus. Die Menschen dachten, dass alle Schwulen HIV-infiziert sind und sterben“, erinnert sich Bruns. Unter dem Druck dieses Geschehens wurden Homosexuelle aber plötzlich als Ansprechpartner ernst genommen, und die Schwulenbewegung fasste wieder Tritt. Eine ihrer Errungenschaften ist, dass homosexuelle Paare seit 2001 in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft zusammenleben können.

Ein aktuelles Thema ist der Nachwuchsmangel

Ein drängendes Thema sei für die Schwulenbewegung momentan der Nachwuchsmangel, sagt Bruns. „Heute sitzen bei den Verbandstagen nur wohlgesetzte, ältere Bürger. Uns fehlt die Jugend.“ Die jungen Menschen müsse sich heute nicht mehr gegen Vorurteile und offene Diskriminierung wehren. Sie sehen daher oft keinen Grund mehr, die Stimme zu erheben, und deswegen steht bei den heutigen CSDs wie in Berlin oder Köln eher die Party im Vordergrund. Dass Homosexualität bei vielen Konservativen aber immer noch auf Ablehnung stößt, hat jüngst die Debatte um einen schwulen Schützenkönig gezeigt. Er kommt ausgerechnet aus Münster.

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