Stefan durchsucht Supermarkt-Müll
19-Jähriger stöbert in der Tonne

Münster -

Wenn man Stefan auf der Straße begegnet, hat man das Gefühl, ihm aus dem Weg gehen zu wollen. Die Mütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Seine Augen sind hinter einer Sonnenbrille versteckt. Wenn er schnell geht, weht sein langer Mantel. Stefan ist Koch im dritten Lehrjahr. Von Berufs wegen hat er täglich mit Lebensmitteln zu tun. Er liebt sie. Er liebt sie so sehr, dass er nachts loszieht, um sie wieder aus dem Müll zu holen.

Dienstag, 03.04.2012, 08:28 Uhr aktualisiert: 03.04.2012, 10:14 Uhr
Stefan durchsucht Supermarkt-Müll : 19-Jähriger stöbert in der Tonne
Mülltonnen nach weggeworfenen Lebensmitteln durchsuchen: die, die so etwas tun, nennen das „Containern“. Foto: Julia Brömse

Er macht das nicht deshalb, weil er nicht weiß, wovon er sein Essen bezahlen soll. Stefan revoltiert „gegen die Wegwerfgesellschaft und gegen den Durchschnittsdeutschen“, der jährlich 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll wirft. Jede Woche zieht er mitten in der Nacht los, und fast immer kommt er mit einem Seesack und einer Fahrradtasche randvoll mit Lebensmitteln zurück. Nur diese Woche kann er nicht containern. Er ist krank. Halsschmerzen.

Auch ohne Stefan geht es einen Tag später zum Mülltauchen. Ausgerüstet mit Rucksack, Taschenlampe und Plastikhandschuhen kann der Selbstversuch beginnen. Das erste Ziel: ein Supermarkt in der Nähe des Aasees. Die Container stehen in Straßennähe. Unmittelbar davor macht ein Taxifahrer in seinem Wagen Pause. Die Tonnen werden vom Scheinwerferlicht der Taxe angestrahlt. Rückzug? Niemals. Wie Stefan gesagt hat, sind die Container nicht abge-schlossen. Innerhalb von wenigen Minuten landet ein Müllsack nach dem anderen auf dem harten Asphalt. Sollte man auch nur ansatzweise Appetit mitgebracht haben, so verpufft er beim Öffnen der dunkelblauen Plastiktüten. Der Gestank ist so widerlich, dass man kaum atmen möchte.Manchmal weiß man nicht einmal, was genau man da anfasst. Die Ausbeute – ein Apfel mit Delle und ein nicht mehr ganz frischer Broccoli – landet im Rucksack.Dass der Apfel später den Weg in den Mund findet, ist unvorstellbar.

Der Taxifahrer hat während der 20 Minuten nicht ein einziges Mal von seinem Laptop aufgeschaut. „Es gehört sich nicht, Lebensmittel wegzuschmeißen“, so Stefan am Tag zuvor. Der 19-Jährige sitzt im Zentrum Don Quijote, trinkt eine Tasse Ingwertee gegen die Halsschmerzen und starrt auf seinen Bildschirm. Vor ihm auf dem langen abgenutzten Holztisch liegen eine Zitrone und eine Ingwerknolle. „Die habe ich in einem ganz normalen Supermarkt eingekauft. Im Container findet man so was nie“, berichtet Stefan. Vor zwei Jahren hat er von einem Mann gelesen, der ohne einen Cent durch die Welt gereist ist und für sein Abendessen öfter in die Tonne greifen musste. Seitdem containert Stefan.

Zwei Stunden nach Ladenschluss hinter dem vierten Supermarkt. Nachdem bei Nummer zwei und drei nichts zu holen war, ist die Hoffnung auf die von Stefan versprochenen vollen Taschen deutlich gesunken. Die silbergrauen Tonnen stehen im schummrigen Licht der Neonröhren. Es dauert ein paar Minuten bis der Riegel zur Seite geschoben ist. Mit einem lauten Quiet-schen öffnet sich endlich das Tor. „Nicht so laut!“ Es fühlt sich verboten an, aber auch irgendwie aufregend. Die Biotonnen sind bis oben hin mit Obst und Gemüse gefüllt. „Meistens werden Bananen weggeworfen. Und zwar die Bananen, die endlich reif und schön süß sind“, hatte Stefan erzählt. In der Tonne finden sich gleich vier Stauden mit den süßen Früchten.

„Guten Abend.“ Der Bewegungsmelder ist angegangen. Die Augen wandern vom Inhalt der Tonnen nach oben. Zwei Polizisten stehen da. Herzrasen. Was würde Stefan machen? Wahr-scheinlich sich gar nicht erst erwischen lassen. „Journalisten sind Sie also? Soso“, sagt der Polizist und blickt zu seiner Kollegin. „Hm, das ist doch okay, oder?“ Glück gehabt. Salat, Äpfel und Paprika sind abgewaschen und liegen auf dem Tisch. Die Hand greift nach dem Apfel aus dem Container von Edeka , die Delle ist säuberlich ausgeschnitten. Vom Müll in den Mund? Julia Brömse ist Stipendiatin der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung und zurzeit auf einem Ausbildungsseminar für junge Journalisten in Münster .

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