Einkaufen auf der Sentruper Höhe
Tante Emma heißt hier Ali

Münster -

Nachdem der Supermarkt auf Sentruper Höhe vor einigen Jahren geschlossen hat, sichert das Geschäft von Ali und Fereshteh Motaalleh den Nahversorgung in dem Wohnviertel, wo viele ältere Leute leben. Über die Ladentheke werden nicht nur Waren und Geld ausgetauscht – hier ist immer Zeit für ein Gespräch und einen guten Ratschlag.

Freitag, 04.05.2012, 14:05 Uhr

Einkaufen auf der Sentruper Höhe : Tante Emma heißt hier Ali
Fereshteh und Ali Motaalleh vor ihrem Laden auf der Sentruper Höhe. Souri Kasraie (im Hintergrund) hilft aus, da die Motaallehs inzwischen auch den Getränkemarkt und die Postagentur ein paar Häuser weiter betreiben. Foto: Oliver Werner

Die alte Dame will am nächsten Tag einen Kuchen backen, kandierte Kirschen fehlen ihr dafür. Ali Motaalleh runzelt die Stirn, – in seinem Gemüse- und Obsthandel auf der Sentruper Höhe gibt es zwar Kirschen – aber keine kandierten. „Kein Problem“, Ali lächelt schon wieder, „ich besorge Ihnen die Kirschen“.

„So ist Ali“, sagt Hildburg Lobbedey . Sie wohnt im Viertel und kennt das Wohnquartier in Klinikennähe auch, als es hier keine kandierten Kirschen – und vieles andere auch nicht – zu kaufen gab, nachdem der kleine Supermarkt im Viertel geschlossen hatte. Hildburg Lobbedey ist erklärter Fan von Ali Motaalleh und seiner Frau Fereshteh. Vor fünf Jahren eröffneten die Iraner den kleinen Gemüseladen an der Ecke Waldeyerstraße, Schmeddingstraße in einer ehemaligen Bäckerei. Inzwischen haben sie auch den früheren Getränkemarkt einige Meter entfernt übernommen und betreuen dort gleich die Postagentur mit.

Wenn Ali und Fereshteh über die Straße gehen, werden sie von jedem gegrüßt – und eine ältere Frau, die gerade fürs Mittagessen eingekauft hat, sagt, was viele hier denken: „Die beiden sind die Seele des Viertels.“

Ali Motaalleh, der schon 25 Jahre in Deutschland lebt, davon 20 Jahre in Münster, freut sich, wenn die Leute so von ihm reden. Und er arbeitet viel dafür: Morgens um halb sechs ist er schon im Großmarkt, um einzukaufen. Bis halb zehn am Abend ist er meistens im Laden. Ferien hat er sich in den letzten Jahren nicht gegönnt. „Wenn mal zwei Feiertage hintereinander sind, wird er schon kribbelig“, erzählt seine Frau.

Sie hat Ali bei einem Heimaturlaub im Iran kennengelernt, seit 15 Jahren sind sie verheiratet – und Fereshteh, studierte Oberschul-Mathematiklehrerin, hat sich eigentlich ihr Berufsleben nicht in einem kleinen Gemüsegeschäft und auch nicht hinter dem Tresen einer Postagentur vorgestellt, wo sich schon früh am Morgen die Pakete türmen. Fereshteh begrüßt die Kunden, nimmt den Leuten die Pakete ab, kennt jedes Detail und weiß auf Anhieb auch, was ein Einschreiben nach Österreich kostet.

Zwei Mal hat sie versucht, ihren Berufsabschluss hier anerkennen zu lassen – ein ebenso bürokratischer wie erfolgloser Dauerlauf. Bis zum Abitur sollten ihre Bildungsabschlüsse anerkannt werden, erzählt Fereshteh Motaalleh. Das Mathematik-Studium und die sieben Jahre Berufserfahrung an einer Oberschule im Iran nicht. Noch einmal ein ganzes Studium nachholen – das würde der inzwischen 42-Jährigen schwerfallen, sagt sie – zumal ihre Hilfe im Laden gefragt ist und zu Hause bei den beiden Söhnen, 14 und acht Jahre alt. „Wenn ich als Lehrerin arbeiten könnte, könnten wir hier im Laden noch Personal einstellen“, sagt sie.

Mit Discountern in der weiteren Umgebung kann er nicht konkurrieren, gibt Ali Motaalleh unumwunden zu, „aber viele Leute im Viertel wollen oder können nicht mehr so weit laufen oder fahren“. Ali besorgt ihnen, was sie bei ihm bestellen – und hat auf diese Weise inzwischen das gesamte Spektrum sehr deutscher Küchenzutaten kennengelernt. Über seine Theke gehen nicht nur Waren, sondern auch Geschichten. Hier werden ausführlich Kochrezepte ausgetauscht.

Hier wird auch über das Wetter, die Hochzeit der Nachbarn oder die Rentenentwicklung debattiert. Die Tante Emma der Sentruper Höhe heißt Ali.

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