Interview mit US-Soziologe Richard Sennett über die Zukunft der Arbeit
Keine Zeit mehr für Vertrauen

Münster -

Mit einem der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett, eröffnete gestern die Universität Münster ihre neue Poetik-Dozentur „Münster Lectures – Literatur und Theorie im Dialog“ im Erbdrostenhof. Es ging um den Sinn der Arbeit.

Mittwoch, 16.05.2012, 08:05 Uhr

Interview mit US-Soziologe Richard Sennett über die Zukunft der Arbeit : Keine Zeit mehr für Vertrauen
US-Soziologe Richard Sennett (r.) und Schriftsteller Dietmar Dath diskutierten über den Sinn der Arbeit. Dath tritt heute um 18 Uhr im Stadtweinhaus auf. Foto: Oliver Werner

Sie beobachten seit den 1980er Jahren Veränderungen in der Arbeitswelt. Wie sehen die aus?

Richard Sennett : Der Neoliberalismus hat vor allem zu kürzeren Arbeitsverhältnissen geführt. Die Folgen sind in Deutschland noch nicht so stark zu spüren wie in Südeuropa oder Großbritannien , aber es beeinflusst die Beziehungen am Arbeitsplatz sowie die Produktivität der Unternehmen negativ. Mitarbeiter fühlen sich nicht mehr verbunden mit ihrer Firma.

Welche negativen Effekte sind das genau?

Sennett: Es gibt drei: Erstens sinkt das gegenseitige Vertrauen. Menschen werden immer individualistischer und glauben, sie können sich auf andere nicht verlassen. Dafür gibt es gute Gründe: Die hohe Mitarbeiterfluktuation führt dazu, dass die Zeit fehlt, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Modernes Management empfiehlt Projektzeiträume von maximal sieben bis acht Monaten. Dadurch stehen Mitarbeiter in großen Firmen wie Apple und Microsoft in ständiger Konkurrenz zueinander. Nach dem Motto "The winner takes it all" wird das beste Team belohnt, die anderen, auch wenn sie hart gearbeitet haben, verlassen häufig die Firma. Dadurch werden Mitarbeiter misstrauisch. Außerdem spielen Arbeitnehmer nur noch Kooperation vor, indem sie bestimmte soziale Nuancen erlernen, aber sie teilen kein gemeinsames Schicksal mehr miteinander. Zweitens haben Firmen mit diesen Kurzzeitteams eine niedrigere Produktivität, weil die Menschen eine individualistische Haltung pflegen. Drittens geht Autorität verloren. Ich habe in meinen Studien festgestellt, dass 60 Prozent der Mitarbeiter in britischen Firmen sich kompetenter einschätzen als ihre Vorgesetzten. Die Autorität von Managern wird immer mehr infrage gestellt. Das hat einen strukturellen Grund: Die Fluktuationsrate ist umso höher, je höher ein Manager auf der Karriereleiter steht. Top-Manager müssen sehr mobil sein. Mitarbeiter können also davon ausgehen, dass der Vorgesetzte, unter dem sie anfangen, nicht mehr da sein wird, wenn sie das Unternehmen verlassen und ein Arbeitszeugnis benötigen. Das schafft Konfliktpotential bei der Führerschaft. Firmen, die mit diesem schnellen Wechsel arbeiten, tendieren dazu, sich bei der Beförderung oder Herabstufung eines Mitarbeiters mehr auf Protokolle zu stützen denn auf persönliche Einschätzungen. 

Weiterer Vortrag

Der zweite Teil der Poetik-Dozentur findet heute (Mittwoch, 16. Mai 2012) ab 18 Uhr im Festsaal des Historischen Rathauses (Stadtweinhaus) der Stadt Münster, Prinzipalmarkt 8/9 statt. Den Vortrag hält der deutsche Journalist und Schriftsteller Dietmar Dath. Moderiert wird der Abend von Prof. Dr. Moritz Baßler vom Germanistischen Institut der WWU Münster. Der Eintritt ist frei.

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Wie sieht unsere Arbeitswelt in Zukunft aus?

Sennett: In Europa brauchen wir Arbeitskonzepte mit Teilzeit-Lösungen. Wir werden niemals Vollzeit-Anstellungen für alle Arbeitnehmer schaffen können. Teilzeit und Grundeinkommen sind unsere Zukunft. Die Alternative wäre strukturelle Jugendarbeitslosigkeit von 25 bis 30 Prozent, die wir schon in Griechenland und Spanien haben. Welche Rolle spielt der Staat? Sennett: Das letzte, was wir brauchen, ist ein freier Markt. Wir brauchen Sozialismus. Aber wir kommen da nicht raus, indem wir das alte System wieder aufbauen.

Welche Rolle spielt die Politik?

Sennett: Das verlangt nach einer Regierung, die nicht die Fantasie eines Wirtschaftsbooms wie in den Fünfzigern bedient, sondern aktiv dazu beträgt, dass Teilzeit-Lösungen entstehen. Das ist keine schlechte Zukunft. Aber dazu braucht es wesentlich proaktivere Regierungen, als sie es in Südeuropa und Großbritannien momentan gibt. Der Markt ist keine Lösung.

Wenn die Wirtschaft selbst jungen, gut ausgebildeten Menschen keine Arbeitsplätze mehr bieten kann, wie sollen sie dann noch einen Sinn im Leben finden?

Teilzeit ist nur eine Lösung von vielen, eine andere ist, Jobs so zu konzipieren, dass sie nur für 18 bis 20 Wochenstunden ausgelegt sind. Aber für all das braucht man einen starken Staat, der eingreift und kontrolliert. Das letzte, was wir brauchen, ist ein freier Markt. Wir brauchen Sozialismus. Aber wir kommen da nicht wieder raus, indem wir das alte System wieder aufbauen.

Junge Menschen müssen sich also in Zukunft auf etwas anderes als auf die Arbeit fokussieren?

Es ist ein strukturelles Problem in der Gesellschaft, aus dem sie alleine nicht rauskommen. Es ist grausam und unpraktizierbar, zu sagen, mit der richtigen Strategie findest du auch einen Job. Damit lässt man sie alleine mit dem Problem. Es trifft sie keine Schuld.

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