Porträt über Marina Weisband
Prominenteste Piratin fühlt sich fremd und wurzellos

Sie trinkt ihren Kaffee mit vier Stück Süßstoff. Freitags geht sie immer in die Synagoge – oder auch nicht. Sie sitzt gerne in Cafés, vorzugsweise mit ihrem Laptop vor Augen. Sie pflegt einen „irrationalen Hass auf Kunstschulen“, ihr Lieblingsfilm zeigt die „wunderbare Welt der Amelie“. Und worin ist sie ihrer eigenen Meinung nach besonders gut? In Wodka. Aha.Irgendwie schräg, diese Frau, mag sich der eine oder andere Leser denken, der über Marina Weisbands Homepage hinwegsurft und dabei zusätzlich erfährt, dass die 24-jährige gebürtige Ukrainerin einst in den Karpaten ein Pferd gestohlen haben will. Aber sonst: alles normal, keine besonderen Vorkommnisse.

Freitag, 18.05.2012, 09:05 Uhr

Gäbe es da nicht die politischen Aktivitäten und Ambitionen der Studentin, mit denen Marina Weisband in den vergangenen Monaten zu einer der bekanntesten deutschen Nachwuchspolitikerin avanciert ist. Je aussichtsreicher die Prognosen für die 2006 gegründete Piratenpartei ausfielen, desto mehr rückte die politische Geschäftsführerin in den Mittelpunkt des Interesses und der Berichterstattung. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie vor wenigen Tagen ihr Bundespiratenamt abgegeben hat – Marina Weisband ist die derzeit populärste Studentin der Universität Münster . Ihr bisheriger Rekord liegt bei 42 Interviews. An einem Wochenende.

„Ich bin sicher, dass ich eine gute Psychologin wäre.“

Das soll weniger werden, das muss weniger werden. Denn Marina Weisband wird im Juli ihre Diplomarbeit im Fach Psychologie anmelden, im Dezember will sie ihre geplante Studie über die „Werte ukrainischer Kinder“ abgeben. Den Monat Mai verbringt sie deswegen weitgehend an Schulen in Kiew, ihrem Geburtsort. Sie interessiere sich schon lange dafür, wie man Hochbegabte und „Minderleister“ optimal fördern könne. Deswegen wollte sie zunächst Lehrerin werden, jetzt würde sie gerne als Psychotherapeutin arbeiten. „Ich kann gut mit Menschen umgehen“, betont sie. „Ich bin sicher, dass ich eine gute Psychologin wäre.“

„Ich bin weich und verletzlich“, sagt sie, als sie im Café Prütt einen Saft bestellt und sich langsam, fast schüchtern setzt. Sie trägt ein schwarzes Kleid, ihren roten Hut behält sie auf dem Kopf. Dass sie sich vor wenigen Tagen mit Marcus Rosenfeld verlobt hat, das wüssten wahrscheinlich nur wenige Freude und ihre Familie, aber Marina Weisband hat noch am gleichen Abend ein Bild des Verlobungsrings via Twitter verbreitet. „He did it“, schickte sie als Kommentar hinterher. Verletzlich, und doch gibt sie nahezu alles über sich preis – wie passt das zusammen? „Kein Problem. Ich habe mittlerweile gelernt, mich durchzusetzen, Beleidigungen auszuhalten. Ich bin tougher, härter geworden.“

"Die Universität Münster war meine erste Wahl. Und es ist bislang alles optimal verlaufen"

Aber sie genießt ihr Leben. 1994 siedelte ihre Familie aus der Ukraine nach Deutschland über, ins Bergische nach Wuppertal. Nach dem Abitur sichtete sie auf der Suche nach dem bestmöglichen Studienort verschiedene Rankings – und stieß schließlich auf die WWU. „Die Universität Münster war meine erste Wahl. Und es ist bislang alles optimal verlaufen: Es ist genau das Studium, das ich wollte.“ Wobei Marina Weisband unterstreicht, dass dies vor allem daran liegt, dass sie noch in einem Diplom-Studiengang eingeschrieben ist. „Viele meiner Bachelor-Kommilitonen stöhnen, weil sie viel auswendig lernen müssen und ständig unter Prüfungsdruck stehen. Das war bei mir anders: Wir haben viele Themen sehr tief und hintergründig behandelt, einfach klasse.“

So wie das Leben in Münster überhaupt, sagt Marina Weisband, in ihrer „Traumstadt“. Überschaubar, mit einem vielseitigen kulturellen Angebot und einem „unglaublichen Charme“. Während sie Wuppertal noch immer als „Brutstätte der Depression“ in Erinnerung hat, genießt sie die Lebendigkeit und das studentische Flair in Münster. „Hier fahren sogar ältere Damen mit dem Fahrrad umher und strahlen dabei fast immer eine große Lebensfreude aus“, schwärmt sie. Ständig komme man ins Gespräch, in den Fußgängerzonen oder auf dem Fahrrad vor einer roten Ampel. „Da bin ich immer“, wie sie es formuliert, „total geflasht.“

Dennoch: Immer wieder beschleicht Marina Weisband ein Gefühl der Fremdheit. Sie ist nirgendwo wirklich zu Hause. Die Ukraine hat sie als unabhängigen Staat nur wenige Jahre erlebt. Für viele Deutsche ist Marina Weisband „die Ukrainerin“ oder wahlweise „die Russin“. Den Begriff Heimat bringt sie tatsächlich am ehesten mit der Sowjetunion in Verbindung – aber die ist bekanntermaßen längst untergegangen. Was bleibt? „Nicht viel“, sagt Marina Weisband, „aber ich werde mich auch daran gewöhnen.“

„Ich fühle mich auch fremd, weil man in Deutschland auf Feten meistens herumsitzt und Bier trinkt, anstatt zu tanzen."

Aber es ist nicht nur das latente Gefühl der Wurzellosigkeit, das ihr zu schaffen macht. „Ich fühle mich auch fremd, weil man in Deutschland auf Feten meistens herumsitzt und Bier trinkt, anstatt zu tanzen. Zu einer Hochzeit kommen manche Gäste in Jeans, obwohl es doch ein Fest ist. Und dann diese Regelwut“, kommt sie redend in Fahrt. „Man kann nirgends einfach ein Feuer machen, für jedes Gebäude gibt es Hausordnungen mit 25 Paragraphen. Alles ist genormt, geregelt und geordnet – daran werde ich mich wohl nie gewöhnen.“

Wenn möglich, besucht Marina Weisband jeden Freitag die münstersche Synagoge in der Klosterstraße. Ausgerechnet sie, die aus einer streng atheistischen Familie stammt. Mit 17 Jahren fand sie zu Gott – genau gesagt, am Abend vor einer wichtigen Mathematik-Klausur. Sie hatte ausreichend gelernt und las in Leo Tolstois Jahrhundert-Roman „Krieg und Frieden“. Einer der Protagonisten schildert darin seine Ängste, als er schwer verwundet mutmaßlich zum letzten Mal mit seinen Freunden spricht und den Mond sieht. Er spürt, dass sein Ende naht. „Und Du machst dir Sorgen um deine Mathe-Klausur“, schoss es Marina Weisband an dieser Textstelle durch den Kopf. Endlich hatte sie eine Antwort auf ihre sehr grundsätzliche Frage nach dem Warum gefunden, die sie schon länger beschäftigte: „Es ist der Wert des Lebens an sich, der mich antreibt und der mich an Gott glauben lässt.“

„Ich brauche dieses zweite Standbein, um irgendwann in großer Gelassenheit über meine Zukunft entscheiden zu können.“

Die Politik will sie vorerst links liegen lassen. Obwohl es ihr sehr schwer fällt. „Denn jetzt wird es richtig spannend“, findet sie. „Die anderen Parteien nehmen uns ernst. Jetzt beginnt der richtige Kampf, vor allem die Grünen beißen.“ Marina Weisband hat noch nicht entschieden, ob und wann sie wieder ein Piraten-Amt übernehmen wird – das Ende des Studiums hat Vorrang. „Ich brauche dieses zweite Standbein, um irgendwann in großer Gelassenheit über meine Zukunft entscheiden zu können.“

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