Sanierung am Hauptbahnhof
Der letzte Mieter

Münster -

Seit einem halben Jahrhundert gibt es das Reformhaus Hagemann am Hauptbahnhof. Derzeit befindet es sich mitten auf einer Baustelle – Aurelis saniert die ehemalige Bahndirektion.

Dienstag, 01.05.2012, 00:05 Uhr

Sanierung am Hauptbahnhof : Der letzte Mieter
Wilhelm Hagemann vor seinem Reformhaus. Direkt nebenan sind umfangreiche Bauarbeiten im Gange. Die Bahn-Tochter Aurelis saniert den Komplex umfassend. Foto: kal

Einen kurzen Moment herrscht Stille – dann ist es wieder so weit: Die Seitenwand im Reformhaus von Wilhelm Hagemann wird von einem lauten Knall erschüttert. „Der Krach kann einem ganz schön auf die Nerven gehen“, sagt Hagemann. Ende der Woche, das habe man ihm versprochen, soll es auf der Baustelle nebenan allerdings ruhiger werden.

Das Reformhaus von Wilhelm Hagemann befindet sich an der Bahnhofstraße , genau zwischen der ehemaligen Bahndirektion und dem Hauptbahnhof . Der 61-Jährige ist in diesem Gebäudeabschnitt der letzte Mieter. Während er nach wie vor Reformwaren verkauft, werden die Ladenlokale um ihn herum entkernt, umgebaut, modernisiert – im Auftrag des Immobilienunternehmens Aurelis, das in die Sanierung der Ladenzeile sowie der benachbarten, sieben Geschoss hohen ehemaligen Bahndirektion bis 2014 elf Millionen Euro investiert. „Die Direktion“ heißt der Komplex künftig, als Hauptmieter wird die Bundespolizei einziehen.

Hagemanns Vater hat das Reformhaus in den 1950er Jahren gegründet. Er erinnert sich gut, wie er seinen Vater sonntags begleitete, wenn dieser die Markisen ausrollte. „Damals war das eine elegante Gegend hier. Die Menschen gingen gezielt zum Einkaufen ins Bahnhofsviertel.“ Irgendwann, erzählt Hagemann, habe die damalige Bahn-Tochter Aurelis dann „an jeden“ vermietet. Plötzlich öffneten in der Nachbarschaft Läden, „die die Lage nach unten zogen“.

Nun hofft er, dass die Umbauarbeiten diesem Trend ein Ende setzen. Direkt neben seinem Reformhaus wird Ende 2012 ein dm-Drogeriemarkt öffnen. Schlaflose Nächte habe er deswegen nicht, ganz im Gegenteil: „Das wird ein Kundenmagnet. Dann haben wir wieder mehr Leben hier.“

Bis Ende nächsten Jahres läuft der Vertrag von Hagemann – mit Option auf Verlängerung von 2016. „Die Aurelis hat uns erst vor wenigen Wochen versichert, dass wir bleiben können“, erzählt der 61-Jährige. Seine Frau und er wollen bleiben. „All die Jahre haben wir hier durchgehalten“, sagt er nicht ohne Stolz. Warum soll er sich da ausgerechnet jetzt zurückziehen?

„Unser Laden ist unser Leben“, betont Hagemann. Die zahlreichen Kunden kenne er seit vielen Jahren, „zu vielen hat sich eine persönliche Bindung ergeben“. Als er vergangene Woche kurzfristig für zwei Tage schließen musste, weil die Bauarbeiten immer intensiver wurden, entschuldigte er sich bei seinen Kunden auf seine Art: „Am Tag danach gab es auf alle Waren zehn Prozent Rabatt.“ Da sei richtig viel los gewesen in seinem Laden.

Hagemann schaut aus dem Fenster, rechts steht ein Bauzaun, Staub von den Baggerarbeiten zieht vorbei, gut, dass er die Auslage abgedeckt hat.

„Die schlimmsten Bauarbeiten sollen ja nun vorbei sein“, so Hagemann. Das habe ihm jedenfalls die Aurelis versichert.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/714910?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597155%2F738953%2F
Nachrichten-Ticker