Integration am Schillergymnasium
Gymnasium für alle

Münster -

Lernbehinderte Kinder und Gymnasiasten lernen am Schillergymnasium in einer Klasse. Die im vergangenen Schuljahr gestartete integrative Lerngruppe bringt für alle Kinder Vorteile, sagen alle Beteiligten. Die WN besuchten den Matheunterricht in der 5a. 

Dienstag, 05.06.2012, 13:48 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 05.06.2012, 09:10 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 05.06.2012, 13:48 Uhr
Integration am Schillergymnasium : Gymnasium für alle
Begreifen hat mit Greifen zu tun – das gilt besonders für geometrische Körper und erst recht, wenn es sich um Süßigkeiten-Verpackungen handelt, finden die Kinder der 5a im Schillergymnasium. Referendar Jan Jülicher verfolgt im Hintergrund die Fortschritte. Foto: kv

Der Morgengruß in der Klasse 5a des Schillergymnasiums kann schon mal etwas länger ausfallen: „Guten Morgen Frau Eyben, guten Morgen Herr Bürschel, guten Morgen Herr Jülich“, kräht es am Montagmorgen aus 19 Kehlen. Drei Lehrer gleichzeitig in einer Klasse, das ist auch in der 5a nicht immer Standard – „aber zu zweit sind wir eigentlich immer“, sagt Klassenlehrerin Anne Eyben nach der Mathestunde. In der 5a haben 15 Mädchen und Jungen eine Empfehlung für das Gymnasium, vier Kinder sind lernbehindert. Der Junge und die drei Mädchen werden das Gymnasium eines Tages nicht mit dem Abitur verlassen, sondern mit einem Förderschul-, bestenfalls sogar mit einem Hauptschulabschluss, hofft Gregor Bürschel. Er ist Sonderschullehrer und unterrichtet 20 Stunden bei den Fünftklässlern des Schillergymnasiums. „Nicht nur die Kinder mit Förderbedarf“, betont er. Er hilft auch den besonders starken Schülern.

An diesem Morgen in der Mathestunde unterrichten Bürschel, Anne Eyben und Referendar Jan Jülich die Kinder gleichzeitig und gemeinsam. Körper sind das Thema: Pyramide, Kegel, Würfel, Quader, Zylinder. Aber diese Begriffe sind zunächst tabu. Begreifen hat zu tun mit Greifen. Darum hat Anne Eyben verpackte Süßigkeiten mitgebracht, aus denen sich die zuvor auf einem Foto eingehend analysierten Türme der Michaelis-Kirche in Hildesheim nachbauen lassen. Die lernbehinderten Kinder erkennen am Ende die Formen, während ihre Klassenkameraden deren Volumen ausrechnen werden.

Integrative Lerngruppen in Münster

An sieben weiterführenden Regel-Schulen in Münster werden im nächsten Schuljahr inte­grative Lerngruppen in Eingangsklassen angeboten. Dabei werden fünf bis sechs Kinder mit Förderbedarf in Regelklassen unterrichtet. Dies aber nicht mit dem Ziel, denselben Abschluss wie die nicht-behinderten Klassenkameraden zu erreichen.

Hier die Schulen: Hauptschule Coerde, Waldschule Kinderhaus, Sekundarschule Roxel, Städtische Gesamtschule, Fürstin-von-Gallitzin-Realschule, Johannes-Gutenberg-Realschule, Schillergymnasium. Lerngruppen in höheren Klassen gibt es außerdem in der Droste-Hauptschule in Roxel, die ausläuft. Eventuell wird eine weitere Gruppe in der Geist-Hauptschule eingerichtet.

...

Es war für das Schillergymnasium ein Experiment, als sich die Schule vor einem Jahr als einziges Gymnasium im Regierungsbezirk mit einer integrativen Lerngruppe startete. „Wir hatten Glück mit den Kindern, mit den Kollegen und den Eltern“, resümiert Schulleiter Ulrich Gottschalk nach neun Monaten. Das Schulklima habe sich positiv verändert – „auch unter uns Lehrern“, meint Anne Eyben, die hinzufügt, viel von den Sonderpädagogen für ihren Unterricht gelernt zu haben. Dass ein Lehrer vor der Klasse steht und einen längeren Vortrag hält – das komme eher selten vor, sagt Eyben. Abwechselnd arbeiten die Kinder allein, tauschen sich in kleinen Gruppen aus, stellen ihre Ergebnisse der ganzen Klasse vor.

Die „Förderkinder" sitzen zwischen den anderen Schülern. Als Lara (Name geändert), die vorher eine Sonderschule besucht hat, richtig beschreibt, was einen Zylinder ausmacht, klatschen die anderen Beifall. „Die Atmosphäre ist kameradschaftlich“, sagt die Lehrerin später. Es gebe private Freundschaften zwischen Förder- und Regelschülern, „die treffen sich auch nach der Schule“. Auch Eltern angehender Gymnasiasten scheuen keineswegs die Integrationsklasse. Im Gegenteil: Für das nächste Schuljahr war die Nachfrage nach Plätzen dort so groß, dass nicht alle Wünsche berücksichtigt werden konnten. Mutmaßlich wegen des kooperativen Klimas und der ungewöhnlich guten Betreuungsrelation, erzählt Schulleiter Gottschalk. Nach den Sommerferien starten 16 Regel- und sechs Förderschüler in der neuen Klasse.

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