Abschalten!
Erholungsforscherin Carmen Binnewies sagt, wie man in den Ferien entspannt

Münster -

In diesen Tagen beginnt für viele der Urlaub. Prof. Carmen Binnewies von der Uni Münster weiß, wie Erholung zustande kommt. Die Psychologin gibt im WN-Interview Tipps für gelungene Entspannung – und was man im Urlaub besser vermeiden sollte.

Samstag, 07.07.2012, 17:07 Uhr

Abschalten!  : Erholungsforscherin Carmen Binnewies sagt, wie man in den Ferien entspannt
Prof. Carmen Binnewies ist Erholungsforscherin – und kann darum wichtige Tipps für den gelungenen Urlaub geben. Foto: kv

Carmen Binnewies ist in diesen Tagen eine viel gefragte Expertin. Die Psychologie-Professorin von der Universität Münster ist, wie sie selbst sagt, „Erholungsforscherin“. Zum heutigen Beginn der großen Ferien steht für viele der Urlaub vor der Tür – eine Angelegenheit, die oft gar nicht so einfach ist, wie sie scheint, bestätigt Carmen Binnewies im Interview mit WN-Redakteurin Karin Völker .

Ist die Erholungsforschung eigentlich ein entspannendes Thema für Wissenschaftler?

Binnewies: Spannend ist es in jedem Fall, ich komme aus der Arbeitspsychologie und der Stressforschung. Der Erholungsprozess gehört dabei unbedingt zum Thema. Es gibt erst seit gut zehn Jahren wissenschaftliche Untersuchungen darüber, wie gute Erholung zustande kommt.

Gibt es dabei Faustregeln, unabhängig von individuellen Vorlieben?

Binnewies: Durchaus. Wer sich von der Arbeit erholen möchte, sollte alle Tätigkeiten, die mit der Arbeit zu tun haben, unterlassen. Also: Keine beruflichen E-Mails lesen, im Urlaub keine Akten studieren. Lehrer sollten in den Ferien auch nicht unbedingt das Freibad in der eigenen Stadt besuchen, wo sie die eigenen Schüler treffen. Auch das Ausfüllen der Steuererklärung erinnert an die Arbeit – und wird für die allermeisten nicht gerade erholsam sein.

Entspannt denn nicht jeder Mensch anders, manche dösen gern in der Sonne, andere müssen jeden Tag im Urlaub einen anderen Berg besteigen?

Binnewies: Das stimmt schon, ich kenne das auch. Meine Mutter kann am besten beim Stricken entspannen, für mich ist Stricken purer Stress. Aber ganz egal, wie man am besten entspannt: Es ist wichtig, mental möglichst weit weg von der alltäglichen Arbeit zu sein und das Gefühl zu haben, dass man eine Zeit lang tun kann, was man will.

Aber auch im Urlaub müssen die meisten Rücksicht nehmen. Auf mitreisende Partner und Kinder zum Beispiel.

Binnewies: Wenn man mit unterschiedlichen Interessen gemeinsam den Urlaub verbringt, ist es gut, vorher zu klären, wie die Zeit gestaltet wird. So kommt jeder mit seinen Vorlieben zum Zuge. Dann gibt es weniger enttäuschte Erwartungen und Unzufriedenheit.

Ist es nicht von vornherein ein Fehler, zu hohe Erwartungen an den Urlaub zu stellen – nach dem Motto, dass es um die schönsten Wochen des Jahres geht?

Binnewies: Es ist wichtig, sich vorher zu überlegen, wie man selbst am besten entspannt und dann den Urlaub planen. Es gibt zum Beispiel keine empirischen Beweise, dass einer, der im Urlaub verreist, sich besser erholt, als jemand, der zu Hause bleibt und Dinge tut, die ihm Spaß machen. Wenn man stark von der Arbeit gestresst ist, fällt es vielen leichter abzuschalten, wenn sie an einem anderen Ort sind.

Gibt es Erkenntnisse, wie lang ein Urlaub idealerweise dauern sollte, damit man hinterher erholt ist?

Binnewies: Auch darauf gibt es keine pauschalen Antworten. Wer sich aber sehr erschöpft fühlt, für den wird eine Ferienwoche mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reichen, um genügend abzuschalten.

Gibt es Tricks, wie man, ganz gleich ob Fernreise oder Balkonien, den Erholungseffekt steigern kann?

Binnewies: Es ist zum Beispiel gut, Aufgaben vor dem Urlaub so weit wie möglich abzuschließen. Nachher ist es sinnvoll, sich den Terminkalender nicht schon am ersten Tag voll zu packen, sondern langsam wieder anzufangen. Wer nicht montags, sondern mittwochs wieder mit der Arbeit beginnt, hat nur noch drei Tage bis zum nächsten Wochenende, dann hält der Erholungseffekt länger an.

Wie erholt man sich eigentlich am besten, wenn man nicht berufstätig ist, zum Beispiel als Hausfrau oder Arbeitsloser?

Binnewies: Es ist wichtig, Dinge zu tun, die mit den Alltagsbelastungen, die Stress verursachen, möglichst wenig zu tun haben. Eltern, die die Kinder erziehen und den Haushalt organisieren, werden es genießen, im Urlaub nicht putzen und kochen zu müssen.

Und was ist mit Menschen mit einem Traumjob, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als zu arbeiten?

Binnewies: Die sind erst mal beneidenswert, aber auch ein Traumjob kann erschöpfend sein. Untersuchungen mit Menschen, die im Job besonders motiviert sind, zeigen, dass sie von Erholungsphasen besonders profitieren.

Und wie entspannen Sie selbst im Urlaub am besten?

Binnewies: Ich bin nicht so der Strandtyp und gucke mir im Urlaub normalerweise gern etwas Neues an. Diesmal werde ich aber die Zeit damit verbringen, in meiner Wohnung zu werklen, ich bin ja erst im Sommersemester nach Münster gezogen.

Klingt nicht sehr nach Erholung...

Binnewies: Sagen Sie das nicht. Das Erleben von neuen Herausforderungen und eigener Kompetenz kann durchaus erholsam sein. Das ist, wie wenn ich im Urlaub sportlich aktiv wäre oder zum Beispiel Segeln lernte, oder eine neue Sprache. Drücken Sie mir die Daumen, dass alles klappt.

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