Beschneidung von Jungen
Juden und Muslime in Münster beklagen Eingriff in Religionsfreiheit

Münster -

Die Beschneidung von Jungen, urteilte Kölns Landgericht unlängst, sei Körperverletzung und damit strafbar. „Unglaublich“, findet das Sharon Fehr, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Münsters.

Montag, 16.07.2012, 07:07 Uhr

Beschneidung
Ein kleiner türkischer Junge wird bei einer Massenbeschneidungszeremonie in Istanbul beschnitten. Außenminister Westerwelle hat rechtliche Klarheit in der Frage religiöser Beschneidungen gefordert. Das Kölner Landgericht hatte die Beschneidung von Jungen zuvor zur Körperverletzung erklärt. Foto: dpa

In den Gemeinden tobt der Unmut – und das bundesweit. Die Richter, so der Tenor, hätten Jahrtausende alte Religionstraditionen verletzt. Die Entfernung der Penis-Vorhaut bei Jungen wird schon in der Bibel erwähnt. Der 1. Januar ist in der katholischen Kirche der „Circumcisio Domini“, der Tag der Beschneidung des Herrn. Jüdische Kinder sollen am achten Tag nach ihrer Geburt beschnitten werden. „Dadurch wird das Kind aufgenommen in den Bund Israel, in den Bund Abrahams“, sagt Sharon Fehr . Ausnahmen davon gebe es nur, wenn Kind oder Mutter gesundheitlich angeschlagen sind.

Auch die Muslime in Münster halten sich an die Beschneidungstradition. Suayip Seven , wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der WWU: „Die Beschneidung gehört bei uns zu den größten Feierlichkeiten überhaupt.“ Das Kind werde bei der Zeremonie lokal betäubt, „es spürt eigentlich gar nichts“. Seven ist entsetzt, dass per Urteil „eine religiöse Tradition auf einen Straftatbestand herabgesetzt wird“.

Beschneidung

Bei der Beschneidung (Zirkumzision) wird die männliche Vorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Dies geschieht weltweit meist aus religiösen Gründen, aber auch als medizinische Behandlung. Laut Wikipedia empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation die Beschneidung als vorbeugende Maßnahme gegen die HIV-Ansteckung in Hochrisikogebieten. Gegenwärtig seien zwischen 25  und 33 Prozent  der Männer weltweit beschnitten. Die Beschneidung gilt im Judentum als Gebot Gottes. Im Koran wird sie nicht erwähnt.  Gleichwohl ist sie dort als Sunna („Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“) weit verbreitet.

...

Auch Dawood Majoka von der Hiltruper Ahmadiyya-Gemeinde beklagt den Eingriff in die Religionsfreiheit. „Bei uns werden die Babys wie bei den Juden früh beschnitten“, sagt er, „aber es ist kein Anlass für ein Fest.“ Die Mitglieder seiner Gemeinde betrachteten die Beschneidung als Tradition im Geiste des Religionsgründers Mohammed.

Tatsächlich führt das richterliche Beschneidungsverbot, das bundesweit für großes Aufsehen gesorgt hat, bei den Betroffenen dazu, Auswege zu suchen. „Wir werden auf die Beschneidung nicht verzichten können“, erklärt Sharon Fehr von der jüdischen Gemeinde und kritisiert „die große Rechtsunsicherheit für unsere Rabbiner.“ Man müsse schnell die Rechtssicherheit wieder herstellen.

„Ich habe auch einen Sohn“, sagt Suayip Seven, „ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht beschnitten wird.“ Niemand wolle sich strafbar machen, aber notfalls werde man die Zeremonie in anderen europäischen Ländern vornehmen lassen. Seven erinnert sich an seine eigene Beschneidung als kleiner Junge: „Es war ein großes Fest, die Familie kam zusammen, das war für alle ein großes Erlebnis.“ An Schmerzen kann er sich nicht erinnern.

Das Ritual wird zumeist von Ärzten unter Lokalbetäubung durchgeführt. Am Wochenende riet allerdings Bundesärztekammer-Chef Ulrich Montgomery seinen Kollegen vor Beschneidungen aus rechtlichen Gründen ab. Das Kölner Urteil bezeichnete er gleichzeitig als „unbefriedigend“.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1015695?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597155%2F1164156%2F
Zu dumm: Adresse auf wildem Müll
Der kommt weg: Der Containerstandort Niedinkstraße hat zu viele Durchreisende zum Entsorgen veranlasst. Auch zwei weitere Standorte lässt das Sachgebiet Umwelt und Geoinformation verlagern.
Nachrichten-Ticker