Was hat Münster mit Hindenburg zu tun?
Hindenburg steht für Krieg, Nationalismus und gegen Weimarer Demokratie

Münster -

In der Begründung des Bürgerbegehrens zur Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz heißt es, dass viele Münsteraner mit dem Platz „ein Stück Heimat“ verbinden. Sieht man aber genauer hin, so geht es bei dem Antrag gar nicht um den Platz, sondern lediglich um dessen bisherigen Namen. Der Platz selbst ist davon überhaupt nicht berührt: Der Send findet auf dem Schlossplatz nicht anders statt als zuvor auf dem Hindenburgplatz. Offensichtlich werden die „heimatlichen“ Gefühle der Antragsteller nur von dem Namen ausgelöst.

Freitag, 06.07.2012, 18:07 Uhr

Der Antrag sagt: „Wir möchten Erinnerungskultur bewahren, anstatt die Geschichte einfach auszulöschen.“ Was aber hat Hindenburg mit Münster zu tun? 1927 wurde der „Neuplatz“ nach dem General des Ersten Weltkriegs und dem damaligen Reichspräsidenten Hindenburg umbenannt. Warum? Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war der bereits pensionierte General Hindenburg reaktiviert und zum Kommandanten der 8. Armee in Ostpreußen bestellt worden, mit General Ludendorff als dessen Generalstabschef. Im August 1914 konnten die beiden Generäle die nach Ostpreußen vorgedrungenen russischen Armeen schlagen.

Die Medien stilisierten den Sieg zur „Schlacht von Tannenberg“. Hindenburg fand sich unerwartet in der Rolle eines nationalen Helden. In einigen Städten, so in Berlin vor der Siegessäule, wurde er als große Statue aufgestellt. Als nationale Symbolfigur drängte er am Ende des Krieges sogar den Kaiser in den Hintergrund. Hindenburg und Ludendorff wurde 1916 die Oberste Heeresleitung (OHL) übertragen. Unter dieser OHL nahmen die politischen Verhältnisse in Deutschland Formen einer Militärdiktatur an. Als sich die Mehrheit des Reichstags aus SPD , katholischem Zentrum und den Linksliberalen in der Friedensresolution vom Juli 1917 für einen Verständigungsfrieden mit den Kriegsgegnern aussprach, fanden deren innenpolitische Gegner in Hindenburg ein populäres Aushängeschild für ihre Durchhalteparolen und für einen deutschen „Siegfrieden“.

Nach dem Krieg blieb Hindenburg weiter populär. Seine Erinnerungen „Aus meinem Leben“ wurden zu Weihnachten und zu Geburtstagen verschenkt. Vor dem Untersuchungsausschuss der Deutschen Nationalversammlung wälzte Hindenburg 1919 mit der Dolchstoßlegende die Verantwortung für die Kriegsniederlage ab: „Den guten Kern des Heeres trifft keine Schuld. Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen.“

Hindenburg geriet noch einmal in das Rampenlicht der deutschen Öffentlichkeit, als sich die nationale Rechte 1925 dafür entschied, den inzwischen 77-jährigen „Helden von Tannenberg“ bei der Reichspräsidentenwahl als ihren Kandidaten aufzustellen. Die demokratischen Parteien SPD, Zentrum und DDP hatten sich bei dieser Wahl auf den 62-jährigen Zentrumspolitiker Wilhelm Marx als gemeinsamen Kandidaten geeinigt. So standen sich bei der Wahl der katholische Rheinländer, Jurist und frühere Reichskanzler Marx und der ostdeutsche lutherische Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs Hindenburg gegenüber. Hindenburg gewann die Wahl mit 14,6 Millionen Stimmen (48,5 Prozent). Marx verlor knapp mit 13,7 Millionen (44,2 Prozent).

Während Hindenburg im Reich die Wahl für sich entschied, stimmte in Rheinland und Westfalen die große Mehrheit der Wähler für Marx. In den beiden preußischen Westprovinzen Rheinland und Westfalen lag Marx am 26. April 1925 weit vor Hindenburg. In fünf der sechs rheinisch-westfälischen Wahlkreise gewann Marx jeweils zwischen 50 und 70 Prozent. Ganz eindeutig war die Absage an Hindenburg in der Stadt Münster. Hier gewann Marx von den 54 128 Wählerinnen und Wählern 71 Prozent, während für Hindenburg nur 29 Prozent stimmten.

Durch die Wahl zum Reichspräsidenten erhielt der Hindenburg-Mythos eine quasi demokratisch legitimierte, überparteiliche und staatspolitische Komponente. Bei den Veranstaltungen, die 1927 zu Hindenburgs 80. Geburtstag in ganz Deutschland stattfanden, wurde er als nationaler Übervater gefeiert. Hindenburg nutzte seine Popularität, um ein nationalistisches Geschichtsbild zu propagieren. Zwei Wochen vor den Geburtstagsfeiern, am 18. September 1927, bestritt er in einer Rede zur Einweihung des Tannenberg-Denkmals in Ostpreußen eine deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg.

Mit dem Gedenken an die Toten des Krieges verband Hindenburg den Mythos einer „Volksgemeinschaft“ der Lebenden und der Toten: „In den zahllosen Gräbern, welche Zeichen deutschen Heldentums sind, ruhen ohne Unterschied Männer aller Parteifärbungen. Sie waren damals einig in der Liebe und in der Treue zum gemeinsamen Vaterlande. Darum möge an diesem Erinnerungsmale stets innerer Hader zerschellen; es sei eine Stätte, an der sich alle die Hand reichen, welche die Liebe zum Vaterlande beseelt und denen die deutsche Ehre über alles geht!“ Über die Proteste im Ausland auf die Tannenberg-Rede berichteten auch Münsters Lokalzeitungen.

Bei den Feiern zu Hindenburgs 80. Geburtstag kam es zu zahlreichen Huldigungen. Am 3. Oktober 1927, dem Tag nach den Feiern, beschloss der Magistrat der Stadt Münster, den größten Platz der Stadt in „Hindenburgplatz“ umzubenennen. Die Stadtverordneten wurden mit der Umbenennung nicht befasst, sondern nur in einem Schreiben des Magistrats vom 5. Oktober darüber informiert. Taktisch klug hatte man die Umbenennung des Neuplatzes mit der des kleinen Hansa-Platzes in Ebert-Platz verbunden, um mit der Ehrung des verstorbenen Reichspräsidenten Ebert die SPD-Stadtverordneten zufriedenzustellen.

Initiator für die Umbenennung war der damalige Oberbürgermeister Georg Sperlich, der auch die Festrede zu Hindenburgs Geburtstag in der Halle Münsterland hielt. Sperlich war für seine nationalkonservativen Neigungen bekannt. Er verband in seiner Rede den Namen Hindenburg mit Erinnerungen an den Weltkrieg: „Wir, die wir draußen standen mit unseren Kameraden in kampfumtobten Schützengräben, im feuerumlohten Geschützstand, wir wissen, was er bedeutet, der Name ,Hindenburg’. Wir wissen, wie oft voll Vertrauen der Name ,Hindenburg’ auf den Lippen der Männer schwebte, die die Wacht hielten trotz Trommelfeuer und Gas, trotz Minen und Tanks.“ Sperlich legte ein Gelöbnis ab: „In diesem Sinne, Männer und Frauen von Münster, schließen wir uns zusammen in dem treuen Gelöbnis, unseres Hindenburg großem Beispiele nachzueifern mit unseren schwachen Kräften.“ Über die Reaktion auf die Rede berichtete die Münstersche Zeitung: „Mächtig erbrausten die Hochs durch die Halle, und aus 5000 Kehlen erklang die erste Strophe des Deutschland-Liedes.“

In seiner Biografie über Sperlich berichtet Tilmann Pünder, dass der OB damals Pläne zur Randbebauung des Neuplatzes bzw. Hindenburgplatzes betrieb. Er scheiterte aber am Widerstand aus der Stadtverordnetenversammlung, zumal der Mehrheitsfraktion des Zentrums. Er wurde im Mai 1931 gestürzt, als die Stadtverordneten seine auslaufende Amtszeit nicht mehr verlängerten. Seine Gegner im Zentrum waren der örtliche Fraktionsvorsitzende Fritz Stricker, der Regierungspräsident Amelunxen und der Oberpräsident Gronowski, die alle dem linken Flügel des Zentrums angehörten.

Die Mehrheitspartei des Zentrums hatte in Münster von 1924 bis 1929 keine absolute Mehrheit. Das erklärt möglicherweise den Widerspruch zwischen der Ablehnung Hindenburgs bei der Präsidentschaftswahl 1925 und seiner Ehrung durch die Platzumbenennung 1927. Das Zentrum stand als Verfassungspartei hinter der Weimarer Demokratie. Der münsterische Theologe Joseph Mausbach hatte 1919 als Abgeordneter des Zentrums in der Nationalversammlung an der Ausarbeitung der Weimarer Verfassung mitgearbeitet. In seiner Rede auf dem Katholikentag in Münster 1930 rief Mausbach zum Engagement für die Weimarer Demokratie auf. Im preußischen Landtag arbeitete das Zentrum in der Regierung Otto Braun (SPD) mit der SPD und der linksliberalen DDP zusammen.

Sperlich tendierte politisch nach rechts. Er hatte gute Kontakte zu Professor Otto Hoffmann, der 1925/26 Rektor der Universität war und der die Deutschnationalen (DNVP) in der Stadtverordnetenversammlung in Münster und als Abgeordneter im preußischen Landtag vertrat. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt als OB trat Sperlich im Juli 1932 dem rechtsextremen Frontkämpferbund „Stahlhelm“ bei, dessen Ehrenmitglied Hindenburg war. Im Februar 1933, kurz nach der „Machtergreifung“ Hitlers, trat er auch demonstrativ aus der Partei des Zentrums aus.

Auf dem Hintergrund der gravierenden politischen Veränderungen in Deutschland seit der Wirtschaftskrise von 1929 gelang der NSDAP bei der Reichstagswahl im September 1930 zum ersten Mal der Einbruch in das deutsche Parteiensystem. Nach dem Bruch der Großen Koalition hatte Heinrich Brüning als Reichskanzler versucht, mit Notverordnungen des Reichpräsidenten zu regieren. Als dies scheiterte, wurde der Reichstag vorzeitig aufgelöst. Die Folge war fatal. Bei der Wahl am 14. September gewann die NSDAP auf Anhieb 18,3 Prozent und wurde nach der SPD zweitstärkste Partei Die KPD wurde drittstärkste Partei mit 13,1 Prozent vor dem Zentrum mit 12 Prozent. Da es durch das Erstarken der NSDAP und der KPD im Reichstag keine Mehrheit für eine Regierung mehr gab, kam es zur Fortsetzung der Präsidialregierung Brünings, jetzt notgedrungen mit der Unterstützung der Notverordnungen durch die SPD.

Die Kandidatur Hitlers bei der 1932 anstehenden Wahl des Reichspräsidenten führte zu weiteren Verschiebungen. Die demokratischen Parteien, die 1925 gegen Hindenburg angetreten waren, sahen sich jetzt gezwungen, die Kandidatur Hindenburgs zu unterstützen, um Hitler zu verhindern. Hindenburg konnte die Wahl am 10. April mit 19,3 Millionen Stimmen (53,05 Prozent) gewinnen, während Hitler auf 13,4 Millionen (36,77 Prozent) kam. Hindenburg hatte durch die Unterstützung der schwarz-roten Wählerschaft bereits im ersten Wahlgang in fünf der sechs rheinisch-westfälischen Wahlkreise Ergebnisse zwischen 52 und 65 Prozent erreicht und sich im zweiten Wahlgang noch verbessert. Auch in Münster setzte man jetzt auf Hindenburg gegen Hitler. Hier kam Hindenburg von 66 261 Stimmen auf 47 166 (71,18 Prozent), Hitler dagegen nur auf 17 094 (25,80 Prozent).

Zwei Wochen nach der Präsidentschaftswahl fanden die Preußenwahlen statt, die für die demokratischen Parteien zu einer Katastrophe wurden. Sie verfügten nur noch über 163 der insgesamt 423 Sitze im Landtag. Die NSDAP war sprunghaft von 2,9 Prozent im Jahre 1928 auf 36,2 Prozent angestiegen und stärkste Fraktion geworden. Da auch im preußischen Landtag keine Mehrheitsbildung mehr möglich war, blieb die bisherige Regierung Braun weiter geschäftsführend im Amt. Brüning, der aus Münster stammte, hatte sich als Reichskanzler für Hindenburg in dessen Wahlkampf eingesetzt. Nach der Wahl wurde er aber von Hindenburg entlassen. Dessen Nachfolger als Kanzler, Franz von Papen, enthob durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten mit dem „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 die amtierende preußische Regierung ihres Amtes.

Das „Bollwerk der Demokratie“, als das Preußen bis dahin galt, war durch den Staatsstreich gebrochen. Unter der Präsidentschaft Hindenburgs vollzogen sich jetzt jene Veränderungen, die ein halbes Jahr später zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler führten. Bei dem von Goebbels inszenierten „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 fand sich Hindenburg bereit, als Symbolfigur für den Untergang der Weimarer Republik und den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft zu fungieren.

Das ist die „Erinnerungskultur“, die das Bürgerbegehren auf Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz bewahren will. Der Name Hindenburg steht heute für Krieg und Nationalismus, gegen Europa und gegen die parlamentarische Demokratie. Soll der Hindenburg-Mythos zur Erinnerung an den Tag von Potsdam vor 80 Jahren in Münster wieder auferstehen?

Zum Autor: Dr. Wilhelm Ribhegge (72), langjähriger Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Münster, ist Verfasser des Buchs „Preußen im Westen. Der Kampf um den Parlamentarismus in Rheinland und Westfalen 1789-1947“. Das Buch ist im Verlag Aschendorff in Münster erschienen."

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