Im Wortlaut
„Die Europäische Union kann durchaus scheitern“

Altkanzler Helmut Schmidt hat den Westfälischen Friedenspreis 2012 erhalten. Lesen Sie hier Auszüge seiner Rede.

Montag, 24.09.2012, 10:09 Uhr

Helmut Schmidt
Altkanzler Helmut Schmidt trägt sich zur Freude von Oberbürgermeister Markus Lewe in das Goldene Buch der Stadt Münster ein. Foto: Jürgen Peperhowe

Es kennzeichnete jedoch die Situation, dass 1990 sowohl Frankreich als auch England den Deutschen eine andauernde Friedlichkeit nicht zugetraut haben. (...) Dass 1990 dieser Widerspruch gegen die Vereinigung überwunden werden konnte, verdanken wir den Vereinigten Staaten von Amerika, wir verdanken es auch der damaligen sowjetischen Führung. (...) Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist die Eu­ropäische Union in ihrer Entfaltung begriffen ... Heute sind wir 27 Mitglieder, weil in den letzten Jahren immer mehr Mitglieder aufgenommen wurden. Dagegen haben wir institutionell keine wirksamen Fortschritte machen können. (...)

Man muss deshalb eine Möglichkeit heute deutlich aussprechen: Die Europäische Uni­on kann durchaus scheitern. Sie könnte durchaus auch an den Deutschen scheitern! Denn zur großen Überraschung vieler Deutschen erweist sich die Bundesrepublik als die ökonomisch stärkste Macht des Kontinents. Und sie lässt das die anderen Mitgliedsstaaten spüren! Das deutsche Bundesverfassungsgericht , die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich als das Zentrum Europas . (...)

Wir Deutschen haben zwar begriffen, dass wir Europäer nicht zurückkehren dürfen zum alten Spiel um das Gleichgewicht der europäischen Mächte. Aber darüber hinaus muss Deutschland aus den letzten vier Jahrhunderten endlich entschlossen die notwendigen positiven Konsequenzen ziehen, nämlich diese:

Erstens: Alle bisherigen Versuche zur Errichtung ei­ner starken Zentralmacht in Europa sind gescheitert. Sie wären deshalb auch in Zukunft mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt. (...)

Zweitens: In dieser Lage müssen die Deutschen sich an Winston Churchill und an Charles de Gaulle erinnern. Sie müssen sich an George Marshall, an George Kennan, an Harry Truman und an George Bush Vater erinnern. Das waren Staatsmänner, die uns Deutschen geholfen haben. Wir müssen uns endlich revanchieren. Und das heißt: Wir müssen nicht nur Fürsprecher der Europäischen Union sein. Sondern wir müssen – weit darüber hinaus – proaktiv handeln und agieren. (...)

Drittens: Welche Lehren auch immer man aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte ziehen will: Jedenfalls dürfen wir nie Ursache werden für Stillstand, für Verfall – oder gar für Zerfall des großen Projektes der Europäischen Union. Schließlich wartet fast die ganze Welt ungeduldig darauf, dass die alten Europäer endlich als Union mit einer Stimme agieren. (...)

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1167718?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597155%2F1236838%2F
Nachrichten-Ticker