Interview
„Hanseatisch bescheiden“: Reinhard Zinkann ist von Helmut Schmidt beeindruckt

Münster -

Eigentlich hat Dr. Reinhard Zinkann (53) „Druck“. Der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe, die heute den Westfälischen Friedenspreis vergibt, leitet ja auch noch das Weltunternehmen Miele in Gütersloh (16.000 Mitarbeiter). Aber dann redet er im Gespräch mit WN-Redakteur Günter Benning doch lange. Über den Preisträger Helmut Schmidt – und seine Liebe zu Münster.

Samstag, 22.09.2012, 09:09 Uhr

Interview : „Hanseatisch bescheiden“: Reinhard Zinkann ist von Helmut Schmidt beeindruckt
Reinhard Zinkann, der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe Foto: Miele

Sie sind Ostwestfale. Wenn Sie nach Münster ins Rathaus kommen, denken Sie da nicht, sowas hätten wir gerne auch bei uns?

Zinkann : Wir haben überall in Westfalen wunderschöne Rathäuser. Aber es ist nicht die Frage, wie schön, alt und denkmalswürdig die Rathäuser sind. Münster ist der historische Ort des Westfälischen Friedens, des Ausgangspunktes unseres Preises. Im Übrigen: Ich liebe Münster, die Stadt ist ein wesentlicher Teil meiner Heimat. Es berührt mich jedes Mal, wenn ich in das Rathaus komme. Und noch mehr, wenn ich auf dem Sentenzbogen stehe.

Wo liegen Ihre münsterischen Wurzeln?

Zinkann: Hier haben meine Großeltern in St. Mauritz am Kanal gelebt. Meine Großmutter ist eine geborene Scheiwe. Als Kind bin ich oft in Münster bei meiner Familie gewesen.

Da kennen Sie ja das Rathaus schon lange?

Zinkann: Ich erinnere mich gut, ich war zehn, ging mit meiner Großmutter und meinem leider schon verstorbenen Bruder zu Schucan. Großmutter erklärte alles: Das ist das Rathaus, da das Stadtweinhaus. Ich höre meinen Bruder fragen: Ist das das Haus, wo die Münsteraner weinen dürfen?

Tja, bei Sparsitzungen wird da geweint. Am Samstag wird aber gefeiert. Sie haben illustre Leute bei den Preisverleihungen kennen gelernt. Musste man denen erklären, was Münster ist?

Zinkann: Nein, allen Preisträgern war Münster im Zusammenhang mit dem Westfälischen Frieden ein Begriff. Und keinem Preisträger musste man erklären, warum der Preis existiert und was daran wichtig ist.

Gibt es besondere Erinnerungen an die Preisträger?

Zinkann: Beeindruckt haben mich persönliche Szenen. Beim Festakt für Kofi Annan nahm mein 13-jähriger Sohn teil. Annan hatte sich zurückgezogen, um eine Kleinigkeit zu essen. Ich habe meinen Sohn hochgebracht in den Raum, wo Annan saß. Da hat er ihn in seinem kleinen Schulenglisch gefragt, wie man denn die Welt rettet. Und wie dieser große Staatsmann dem Jungen erklärte, was die Welt zusammenhält, das hat mich zutiefst bewegt. Ich habe fast Tränen in den Augen gehabt.

Hinter den Fassaden, die man in den Medien sieht, stecken normale Leute, Familienväter, Großväter...

Zinkann: Die Preisträger sind ganz normale Menschen. Für mich sind die Begegnungen am Rande des Festaktes immer sehr wichtig, etwa am Vorabend mit den Kuratoren aus ganz Westfalen-Lippe. Noch heute pflege ich zu den Preisträgern guten Kontakt. Ich habe Giscard d‘Estaing in Paris getroffen, mit Daniel Barenboim habe ich fast freundschaftliche Kontakte und treffe ihn öfter. Jeder von ihnen hat Münster in einer besonders herzlichen Erinnerung behalten.

Helmut Schmidt ist Hanseat, Ihre Frau – Sie haben gerade geheiratet – kommt auch aus Hamburg. Gab es da Beziehungen?

Zinkann: Nein, meine Frau ist Rheinländerin, die aber seit vielen Jahren in Hamburg lebt.

Wie stehen Sie zum diesjährigen Preisträger?

Zinkann: Ich bewundere Helmut Schmidt für sein Lebenswerk. Er ist mehr als preiswürdig. Er steht auf der einen Seite in einer Reihe mit Giscard d’Estaing als Vorbereiter des europäischen und Helmut Kohl für den deutschen Einigungsprozess. Auf der anderen Seite, bewundere ich ihn für seinen Weitblick und die Entscheidung, den Nato-Doppelbeschluss durchzusetzen. Gegen heftigste Widerstände und unter Inkaufnahme des Amtsverlustes. Er hat seine für das Land richtig erkannte Politik durchgesetzt. Und mit dem Nato-Doppelbeschluss erreicht, dass das Wettrüsten zu Ende gegangen ist.

Bemerkenswert, dass Schmidt mit über 90 Jahren    so eine respektierte Stimme ist.

Zinkann: Das ist er sicher. Schmidt ist eine Persönlichkeit, die sich selbst immer treu geblieben ist. Er war bereit, Verantwortung zu übernehmen und zu leben, auch auf die Gefahr des Scheiterns hin. Dabei lebt er tiefe hanseatische Bescheidenheit und Zurückgenommenheit vor. Er gehört zu einer Politikergeneration, bei der man klar sagen kann, die stehen für etwas. Schmidt verfügt über ein unglaubliches Netzwerk, eine staatsmännische Weitsicht wie Lebenserfahrung und dadurch eine Flughöhe, wie sie heute wenige Menschen haben.

Fehlt Ihnen das heute?

Zinkann: Wir erleben heute sicher eine große und schwere Finanzkrise sowohl der Banken als auch einzelner Staaten. Vor allem haben wir aber eine ganz tiefe Vertrauenskrise in unser politisches System, die soziale und wirtschaftliche Ordnung, die Eliten und die Führung. Deshalb sehnen sich die Menschen nach jemanden, der für sie Vertrauen und Glaubwürdigkeit verkörpert. Helmut Schmidt ist genau so jemand.

Die Hälfte des Preises geht an junge Organisationen, die zeigen, dass man in dieser Gesellschaft etwas tun kann. Wie sind da Ihre Kontakte?

Zinkann: Zu Daniel Barenboim und seinem jungen Orchester habe ich einen guten Kontakt. Die Gemeinschaft junger Malteser fasziniert mich, das Engagement hat mich angesteckt. Im Kuratorium haben wir bewusst gesagt, Friede kann nur dauerhaft gesichert werden, wenn eine junge Generation sich auch sozial für die Gestaltung ihrer Zukunft einsetzt. Darum müssen wir das Engagement von Jugendlichen fördern und Vorbilder herausheben.

Bekanntlich raucht Helmut Schmidt gern. Letztes Jahr musste auch Barenboim dringend sein Zigarillo rauchen. Kann das ein Problem werden?

Zinkann: Barenboim hat nicht im Friedenssaal geraucht. Und ich glaube auch nicht, dass Helmut Schmidt da rauchen wird. Wenn doch, wird ihn bestimmt niemand davon abhalten.

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