Ohne Zahlen todunglücklich
Diagnose Asperger-Syndrom: Ein Autist gibt Einblicke in seine Gedankenwelt

Münster -

Heute hat Jens Brumann gut lachen. Und er kann sogar über sich selber lachen, wenn er sich an die absonderlichen Verhaltensweisen erinnert, mit denen er schon viele seiner Mitmenschen irritiert und mitunter auch zur Weißglut gebracht hat. Jens (17) ist Autist, spricht ohne Scheu aus, dass er am Asperger-Syndrom leidet und schaut seine Gesprächspartnerin dabei offen an. „Aber niemals in die Augen. Das kann ich nicht, sondern immer nur auf die Nase.“ Einer der vielen Tricks, die er in jahrelanger therapeutischer Begleitung gelernt hat, um im Alltag so wenig wie möglich aufzufallen.

Donnerstag, 06.09.2012, 07:09 Uhr

Ohne Zahlen todunglücklich : Diagnose Asperger-Syndrom: Ein Autist gibt Einblicke in seine Gedankenwelt
Eisenbahnen sind die große Leidenschaft von Jens Brumann. Nach jahrelangem intensiven Training mit Therapeutin Mechthild Fortmann (M.) kommt der 17-Jährige mit seiner Mutter (l.) gut im Alltag klar. Foto: hö

Die Diagnose Autismus kam spät, erst mit zwölf. „Man möchte es nicht wahrhaben, dass das eigene Kind eine Behinderung hat“, blickt seine Mutter zurück. Vor allem dann nicht, wenn der Filius so gescheit daherkommt. Schon vor der Einschulung hatte er sich das Lesen selber beigebracht, Rechnen sowieso. Seine Leidenschaft für Zahlen führte so weit, dass der Kinderarzt für den Vierjährigen nicht mehr benötigte Medikamentenbücher zurücklegte.

Autismus

Autismus ist eine angeborene Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. Die Ausprägungen sind unterschiedlich stark und gehen mitunter auch mit einer geistigen Behinderung einher. Autisten fallen durch Probleme in der Kommunikation und dem sozialen Umgang mit anderen Menschen auf. Sie zeigen stereotype oder ritualisierte Verhaltensweisen. Gleichzeitig weisen Betroffene häufig sogenannte Inselbegabungen auf bestimmten Gebieten auf. Notwendige Therapien werden je nach Fallgestaltung von den Sozial- und Jugendhilfeträgern und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe finanziert. Das bereits seit 25 Jahren bestehende Autismus-Therapiezentrum des DRK betreut derzeit 58 Familien aus Münster und dem Münsterland, erklärt die fachliche Leiterin Nicole Roßbach. Das Institut für Therapie und Entwicklung arbeitet derzeit mit 45 Familien.

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„Wo sonst gab es Bücher mit 4000 Seiten“, sagt Jens Brumann . „Ich habe sie stundenlang durchgeblättert und mir die aufsteigenden Zahlen angeschaut.“ Berühmt berüchtigt war die Kalenderblattsammlung – „nur Zahlen, keine Bilder“ – des damals Fünfjährigen. „Ich habe mit Hingabe Postleitzahlen- und Telefonbücher gelesen.“ Mit seiner Zahlenleidenschaft eckte er allerdings auch an. Als sein Opa starb, fragte der Knirps am offenen Grab: „Wie ist die exakte Tiefe der Grube?“

Was als Gefühlskälte erscheint, „ist jedoch nur Ausdruck der autistischen Entwicklungsstörung“, erklärt Mechthild Fortmann vom Institut für Therapie und Entwicklung, das derzeit 45 Familien mit autistischen Kindern aus Münster und dem Münsterland betreut. Fortmann spricht von unterschiedlichen Ausprägungen von Autismus, wobei Kinder mit dem Asperger-Syndrom mit mathematischen Spezialbegabungen wie Jens es noch vergleichsweise einfach haben und mit Begleitung in einer Regelschule zurechtkommen können. Wenn Lehrer und Schüler mitspielen – was längst nicht immer der Fall ist.

Jens jedenfalls musste nach der sechsten Klasse vom Gymnasium zur Realschule wechseln. Unter anderm wegen Fünfen und Sechsen ausgerechnet in Mathe. „Er hatte alle Ergebnisse richtig, aber den falschen Rechenweg gewählt“, erinnert sich seine Mutter. Und auch an die schweren Folgejahre auf der Realschule, wo er gemobbt wurde, weil er so anders war. In den wöchentlichen Therapiestunden hat er inzwischen gelernt, wie er Stimmungen bei anderen wahrnehmen kann, obwohl er nicht in Gesichern lesen kann.

Heute nervt er andere Mitschüler nicht mehr mit langen Monologen über sein größtes Hobby: Eisenbahnen. An Wochenenden und in den Ferien reizt er aber sein Bahnticket aus: 30 Stunden am Stück auf den Schienen – „einfach wunderbar“. Unterwegs mit anderen unterhalten – „auf keinen Fall“, sagt er. Für seine Mutter ist es nicht leicht zu sehen, „dass das eigene Kind so allein ohne Freunde durchs Leben geht.“

Aber Jens hat ein Ziel: „Ich möchte Bibliothekar oder Archivar werden.“ Den Sprung auf ein Berufskolleg hat er bereits geschafft. Dass es auf der Schule klappt, verdankt er Absprachen mit Lehrern – Stichwort Nachteilsausgleich. Jetzt hat Jens mehr Zeit bei Klassenarbeiten; und veränderte Rechenwege werden toleriert. Ein Strahlen geht über sein Gesicht: „Übernächstes Jahr mache ich mein Abi.“

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