Krisenhilfe bietet Trauerseminare an
Kraft für einen neuen Weg

Münster -

Menschen auffangen, Halt geben, sie ermutigen, Trauer zuzulassen – all das sind Säulen in der Seminararbeit bei der Krisenhilfe. Die WN unterstützt sie bei ihrer diesjährigen Spendenaktion.

Dienstag, 27.11.2012, 14:11 Uhr

Anna will nur eins: reden. Sich einfach alles von der Seele reden. Christian kann das nicht. Glaubt er. Doch nach dem dritten Treffen spürt er eine leise Veränderung. „Ich wollte sogar unbedingt wieder dorthin“, erzählt er. Das Paar trauert um seinen Sohn. 28 Jahre jung setzte er seinem Leben ein Ende. Warum? Diese Frage quält beide. Bohrende Schuldgefühle kommen dazu. „Was haben wir falsch gemacht?“ Der Schock sitzt tief. Erst im Trauerseminar der Krisenhilfe erleben sie: „Wir sind damit nicht allein.“ Anna und Christian treffen Menschen, von denen jeder einen nahen Angehörigen durch Suizid verloren hat. Sie alle sind tieftraurig, manchmal auch zornig, voller Selbstzweifel. „Das hat uns vereint, daraus kann Trost erwachsen“, sagt Christian heute.

„Anfangs bin ich nur meiner Frau zuliebe mitgegangen“, räumt er ehrlich ein. Er habe vermutet, „da wird nur gelabert“. Es kommt ganz anders. „Es war richtig gut für mich“, ist er überzeugt, dass das Trauerseminar ihm geholfen hat, mit der Situation, der Trauer, den vielen Fragen anders umzugehen. Und auch den oft unausgesprochenen Vorwürfen aus dem Umfeld zu begegnen. Denn die gab es – und sie haben das Paar sehr verletzt. „Es ist ein großer Unterschied, ob man sein Kind durch Krankheit oder Unfall verliert – oder ob es sich selbst tötet“, erinnern sich die Eltern an Gespräche und Fragen, in denen Schuldzuweisungen durchklingen.

Für Anna ist klar: „Ich muss aufgefangen werden. Allein schaffe ich es nicht. Auch wir zusammen ohne Hilfe stehen das nicht durch.“ Im Sommer hat sich ihr Sohn das Leben genommen, im November beginnt ihr Trauerseminar: „Es war alles noch sehr präsent.“ Auf der anderen Seite aber doch der richtige Zeitpunkt: „Es hat uns durch die dunkle Jahreszeit getragen.“

Menschen auffangen, Halt geben, sie ermutigen, Trauer zuzulassen – all das sind Säulen in der Seminararbeit, die Annette Petzhold und Willi Riemer als Ehrenamtliche bei der Krisenhilfe den Betroffenen anbieten. „Wir können Trauer nicht abnehmen, aber wir können helfen, Kraft zu wecken, damit umzugehen, es aus eigener Kraft heraus zu schaffen“, betonen sie. Trauerarbeit sei Entwicklungsarbeit. „Entwicklung neuer Lebensper­spektiven“, so Willi Riemer. Denn: „Das Leben geht für die Hinterbliebenen weiter, auf eine andere Weise.“ Anna und Christian haben es genauso erlebt – auch wenn sie es anfangs nicht für möglich gehalten hätten. „Man steht selbst am Abgrund“, so haben sie es empfunden. Heute führen sie ein Leben, in das der Verlust des Sohnes eingeschlossen ist. Sie haben gelernt, mit dem „Warum?“ weiterzuleben, eine Frage, die jeden Teilnehmer unerbittlich verfolgt. Aktiver Umgang mit der Trauer, ihr Raum zu geben, das sei gut – wichtig aber, sich nicht von ihr überrollen zu lassen. „Ich will trauern, aber ich will nicht Opfer der Trauer werden“, formuliert Annette Petzhold das Ziel der Seminare, die die Krisenhilfe seit acht Jahren anbietet.

Was ohne die Krisenhilfe aus dem Ehepaar geworden wäre? „Ich mag es mir nicht vorstellen“, sagt Anna. Und sehr drastisch: „Wir wären verloren gewesen.“

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