Jugendhelfer und Justiz diskutieren über Jugendhaft
"Wer im Gefängnis keine Förderung erhält, hat eine Rückfallquote von 90 Prozent"

Münster -

Jugendliche im Knast. Das ist oft teuer. Denn die Rückfallquote ist groß. Jugendhelfer und Justiz diskutierten in Münster darüber, wie man es besser machen kann.

Mittwoch, 12.12.2012, 07:12 Uhr

Jugendhelfer und Justiz diskutieren über Jugendhaft : "Wer im Gefängnis keine Förderung erhält, hat eine Rückfallquote von 90 Prozent"
Experten diskutieren (v.l.): JVA-Leiter Karl-Heinz Bredlow, der „Vater“ des Jugendstrafgesetzes Prof. Reinhard Wiesner, Prof. Bernd-Rüdeger Sonnen, Petra Guder und Bernhard Gleitz von der Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe. Foto: bn

Fritzchen “. Bei dem Namen muss Petra Guder eine klare Vorstellung haben. Fritzchen lebt in einem Heim in Münster , bekommt, weil er schwierig ist, teuren Einzelunterricht, steht kurz vor dem Hauptschulabschluss. Und dann muss er, wie so manche Hardcore-Jugendliche, mit denen die Sozialarbeiterin Guder zu tun hat, in den Knast: „Dann macht man dort einen Plan für ihn, stellt fest, dass er Schwächen hat, steckt ihn in einen Hauptschulkurs.“ Alle Investitionen, die schon in dem Jungen stecken: Futsch.

Schweigen zwischen Jugendhilfe und Justiz

Fritzchen, der Namen ist verändert. Der Fall aber ist symptomatisch für das Schweigen, das zu oft zwischen Jugendhilfe und Justiz herrscht. Ihm war gestern eine Tagung der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe (DVJJ) im Franz-Hitze-Haus gewidmet. Jugendämter, die der Justiz „nicht so schrecklich viel erzählen“, Akten, die lange auf dem Postweg sind – die Leidtragenden sind sowieso schon auf der Verliererstraße. „Teuer, zeitaufwendig, undankbar, frech, unzuverlässig“, all diese Eigenschaften zählt der Chef der Justizvollzugsanstalt Iserlohn, Karl-Heinz Bredlow , auf. Er leitet eines der drei Jugend-Gefängnisse in NRW: „Aber wenn sie bei uns sind, sind es ganz normale Jugendliche mit riesigem Bedarf.“

Unterschiedliche Chancen nach der Haft

Wenn die Leute aus der Hilfebranche so ins Plaudern geraten, tut es fast schon weh. Denn Jugendliche, deren Vorgeschichte sie in den Knast führt, haben unterschiedlich gute Chancen. Prof. Bernd-Rüdeger Sonnen aus Hamburg zählt sie auf: „Wer im Gefängnis keine Förderung erhalt, hat eine Rückfallquote von 90 Prozent, wer qualifiziert wird und anschließend keine Arbeit findet, wird zu 60 Prozent wieder kriminell. Wer mit Qualifikation und Job aus Strafvollzug und Jugendhilfe herauskommt, wird zu 70 Prozent ein normales Leben führen.“ Petra Guder, die im DVJJ-Landesvorstand sitzt: „Dafür muss man viel mehr Bündnisse schmieden.“

Haft ist meistens die letzte Lösung

1700 bis 1800 Jugendliche landen jährlich in NRW im Gefängnis. Meist ist das die letzte Lösung. Aber vielleicht geht es auch anders, gibt JVA-Leiter Bredlow zu denken, „schon in den 1920er Jahren gab es Überlegungen, dass Straftäter im Bereich der Jugendhilfe weiter betreut werden.“ Die Paragrafen gäben es jedenfalls her. Prof. Reinhard Wiesner hat das Jugendhilfegesetz vor 22 Jahren geschrieben. Gestern sagt er: „Es sieht mehr Möglichkeiten vor, als Jugendliche ins Gefängnis zu schicken.“

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