Im Gespräch mit dem Chansonnier Jean-Claude Séférian
„Damals fand ich Münster so spießig“

Münster -

Jean-Claude Séférian (56) wurde von der Liebe in Paris erwischt. Darum lebt der Chansonnier nun schon seit 36 Jahren in Münster. Über die deutsch-französische Gemeinschaft im Privaten sprach er mit WN-Redakteur Günter Benning.

Samstag, 26.01.2013, 16:01 Uhr

Im Gespräch mit dem Chansonnier Jean-Claude Séférian : „Damals fand ich Münster so spießig“
Der Chansonnier Jean-Claude Seferian in seiner Wohnung in Münster an der Sibeliusstraße. Foto: bn

Woher kommen Sie in Frankreich?

Séférian : Das ist kompliziert. Meine Mutter ist Französin, mein Vater Libanese mit armenischen Wurzeln. Ich bin im Libanon aufgewachsen, dann gingen wir im Bürgerkrieg nach Frankreich. In Nizza habe ich Musik studiert.

Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Séférian: In Paris , 1976, ich war 20. Meine Eltern wohnten dort. In den Sommerferien habe ich sie besucht und eine kleine Zelle in einem deutschen Studentenwohnheim gemietet, um Klavier zu üben. Das war am preiswertesten, 90 Franc pro Monat. Nach einem Monat hörte ich in der Nebenzelle eine Klavierspielerin – das war Christiane Rieger. Das hat mir gefallen.

1976 – da war deutsch-französisches Miteinander nicht selbstverständlich. Merkten Sie das?

Séférian: Natürlich, sofort. Bei uns war es Liebe auf den ersten Blick. Aber einmal haben wir eine Radtour in Frankreich gemacht, wir fuhren in die Normandie, haben uns verfahren, waren nach 100 Kilometern völlig fertig. Da kamen wir zu einem Hof und wollten ein Zelt aufbauen. Als die Bäuerin merkte, dass meine Freundin Deutsche war, hat sie uns verjagt. Ihr Mann hatte zu sehr unter den Deutschen gelitten.

War das in Deutschland ähnlich?

Séférian: Nein, als ich hierher kam, sprachen viel mehr Leute Französisch als heute. Ich sprach kein Wort Deutsch, aber man kam mit Französisch und Englisch klar. Studenten und meine Professoren sprachen französisch, ich durfte meine Arbeiten in meiner Sprache schreiben.

Seit wann leben Sie in Münster ?

Séférian: Seit 1976 – zwei Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Meine Frau ist Münsteranerin. Damals fand ich Münster so spießig, ich konnte mir nicht vorstellen, hier zu leben. Die Mentalität war völlig anders, ich fühlte mich total als Ausländer.

Ausgegrenzt?

Séférian: Nein, als Franzose nicht. Viele Leute finden ja Frankreich schön, die Sprache toll – aber ich fühlte mich nicht wie zu Hause.

Sie haben sich damit abgefunden?

Séférian: Ich habe mich integriert. Das macht man, indem man die Sprache lernt. Ich wollte das ein halbes Jahr lang gar nicht. Ich fand, Deutsch klang so scheußlich, als Musiker fand ich es unmusikalisch. Dann habe ich meiner Frau gesagt, ab jetzt sprechen wir nur noch Deutsch.

Ihre Frau ist auch Musiklehrerin?

Séférian: Ja, wir haben beide eine halbe Stelle als Musiklehrer. Und sie begleitet mich bei meinen Konzerten, wir sind immer zusammen auf Tour.

Als Musiker leben Sie vom Flair Frankreichs .

Séférian: Ich singe seit über 30 Jahren. Konstant gebe ich zwischen 50 und 80 Konzerte im Jahr. Das ist immer ein kleiner Kreis, ich fülle keine Halle Münsterland. Aber im Münsterland singe ich schon vor 1000 Leuten. Meistens singe ich in kleinen Sälen, auch in Frankreich, oder bei Kreuzfahrten. Und das macht sehr viel Spaß.

Und ist ein Stück französischer Kulturvermittlung.

Séférian: Ja, ich habe angefangen, weil ich Heimweh hatte. Ich habe zuerst die Lieder meiner Kindheit gesungen, dann haben mich meine Freunde gedrängt, öffentlich zu singen. Mein erstes Konzert, 1981 in der Brücke, war so ein Bombenerfolg, das machte Spaß.

Ihre Töchter sind Sängerinnen. Fühlen die sich als Komplett-Deutsche oder als Halb-Französinnen?

Séférian: Man sieht, dass Marie und Annick ein bisschen anders sind als die anderen. Eine Mischung halt. Beide sprechen Französisch, aber die Muttersprache ist Deutsch. Beide haben Abi-Bac am Pascal gemacht. Marie ist Jazz-Sängerin, sie schreibt französischen Jazz. Das ist ihre Spezialität.

Singen Sie auch auf Deutsch?

Séférian: Ja, klar, wir hatten gerade Premiere mit einem deutsch-französischen Programm wegen des Élysée-Vertrags.

Was machen Sie, wenn es in Ihrer Ehe mal so richtig kracht? Reden Sie dann französisch und ihre Frau deutsch?

Séférian: Darüber haben wir gerade ein Lied gemacht. ,Beim deutsch-französischen Ehekrach / wirft sie ihm wütend Bücher von Goethe nach / und er wirft zurück mit Voltaire./ Doch zum Schluss / gibt es einen multikulturellen Kuss.‘ Das ist die letzte Strophe. Ja, früher habe ich mich sehr auf Französisch geärgert. Im Deutschen verhaspelt sich meine Zunge. Aber wir streiten uns kaum noch.

Sie verständigen sich sicher über die gemeinsame Musik?

Séférian: Das war unsere Therapie – zusammen Musik machen. Es gab große Probleme, als die Kinder klein waren. Ich war dauernd unterwegs. Das lief nicht gut. Dann haben wir gedacht, was wäre, wenn wir gemeinsam Konzerte geben. Seit 20 Jahren treten wir zusammen auf – das war die Rettung.

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