Epidemiologe aus Münster kritisiert Arzneimittelforschung
Professor Keil kämpft bei der Zulassung von Medikamenten für mehr Transparenz

Münster -

Wenn neue Medikamente zugelassen werden sollen, sind Pharmaunternehmen bisher nicht verpflichtet, die Rohdaten aller zuvor durchgeführten Studien zu veröffentlichen. Das soll sich durch eine Initiative von Wissenschaftlern bald ändern. Eine der treibenden Kräfte dabei ist der münsterische Epidemiologe Prof. Ulrich keil.

Dienstag, 28.05.2013, 10:05 Uhr

 Das Europäische Parlament legt bald vielleicht neue Maßstäbe und Richtlinien fest, die Patienten besser schützen und öffentliche Haushalte schonen werde
 Das Europäische Parlament legt bald vielleicht neue Maßstäbe und Richtlinien fest, die Patienten besser schützen und öffentliche Haushalte schonen werde Foto: MICHAEL PROBST

Ulrich Keil , Epidemiologe der Universität Münster , ist inzwischen emeritierter Professor – und hat Zeit, sich mit Fragen zu beschäftigen, die ihn schon früher beschäftigt haben. Keil, der sich im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation mit der Verbreitung von Volkskrankheiten befasst hat, richtete sein Augenmerk auf die therapeutische Seite, die Medikamentenforschung der Pharmaindustrie. Was er dabei entdeckte, treibt Keil zunehmend um. Und wenn bald das Europäische Parlament vielleicht neue Maßstäbe und Richtlinien festlegt, die Patienten besser schützen und öffentliche Haushalte schonen werden, dann wird das zu einem gutem Teil seiner Hartnäckigkeit zu verdanken sein.

Es geht um die Zulassung neuer Medikamente auf dem europäischen Markt, genauer um die Transparenz der Daten, die ihrer Zulassung zugrunde liegen – und dabei, so haben Keil und andere internationale Wissenschaftler, festgestellt, liege vieles im Argen.

Beispiel Tamiflu, das Grippemittel, das als Mittel gegen Virenerkrankungen nicht nur vom deutschen Staat in großen Mengen, als Reserve für Millionen von Menschen im Fall einer Epidemie gekauft und eingelagert wurde. Der Konzern Roche, der Tamiflu herstellt, habe mit dem Medikament rund zwölf Milliarden Dollar verdient, berichtet Ulrich Keil von seinen Recherchen.

»Die Zulassungsbehörden erhalten in vielen Fällen nur die Informationen, die dem Hersteller genehm sind.«

Prof. Ulrich Keil

Bevor ein neu entwickeltes Medikament zugelassen wird, muss das betreffende Unternehmen klinische Studien mit Testpersonen durchführen, deren Ergebnisse den Zulassungsbehörden überlassen werden. Im Fall von Tamiflu wurden, so ermittelte die Organisation Transparency International, für die Keil und übrigens auch seine Frau, die Leiterin des Aachener Tumorzentrums, sich engagiert, 127 klinische Studien durchgeführt. Den Zulassungsbehörden habe der Konzern aber nur zehn Studien zur Verfügung gestellt, die Rohdaten, die den Studien zugrunde liegen, seien nur für zwei Studien veröffentlicht worden. „Die Zulassungsbehörden erhalten in vielen Fällen nur die Informationen, die dem Hersteller genehm sind“, sagt Keil. Der amerikanische Wissenschaftler Peter Doshi gelangte mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes an die Rohdaten der übrigen klinischen Studien. Und die lassen laut Keil den Schluss zu, dass Tamiflu keineswegs sicher Viren bekämpft, sondern gegen Grippe nicht wirksamer sei als herkömmliche schmerz- und fiebersenkende Mittel.

Prof. Keil

Keil und seine Frau Angela Spelsberg haben in Deutschland nun die Initiative für die „Berliner Erklärung“ vorangetrieben, die von namhaften Wissenschaftlern und Vertretern der deutschen Ärzteschaft unterzeichnet wurde und über die am 30. Mai der Ausschuss des Europaparlaments für Umwelt und öffentliche Gesundheit berät. Darin wird gefordert, dass Zulassungsbehörden, Wissenschaftler und Ärzteschaft ungehinderten Zugang zu allen Studienergebnissen und vor allem den ihnen zugrunde liegenden Daten erhalten. Denn, so Keil: „Das Datenmaterial kann in der Zusammenfassung der Studien im Sinne des Herstellers interpretiert werden.“ Einer der Unterzeichner der Erklärung íst der Präsident der Berliner Ärztekammer, Dr. Günther Jonitz. Er lässt sich vom Deutschen Ärzteblatt mit den Worten zitieren: „Wenn unerwünschte Wirkungen oder mangelnde Effektivität bewusst verschwiegen werden, ist das Betrug an Ärzten und Patienten.“

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