Ernst Wöstmann sortierte Natur auf Platt
Von Pisspöttken und Kriäftwuottel

Münster-Coerde -

Pisspöttken – das ist der plattdeutsche Name für die trichterförmige Ackerwinde. Dr. Ernst Wöstmann war ein Kenner der Pflanzenwelt Westfalens. Er hat in seiner Fotosammlung sämtliche plattdeutschen Namen für die Nachwelt erhalten.

Donnerstag, 23.05.2013, 18:05 Uhr

Polygonatum, das Salomonsiegel, heißt auf Niederdeutsch Kriäftwuottel, was Kraftwurzel heißt und wohl daher rührt, weil es gegen Erkrankungen des Bewegungsapparates verwendet wurde
Polygonatum, das Salomonsiegel, heißt auf Niederdeutsch Kriäftwuottel, was Kraftwurzel heißt und wohl daher rührt, weil es gegen Erkrankungen des Bewegungsapparates verwendet wurde Foto: kaj

Als Dr. Ernst Wöstmann (1906- 2001), der lange bei der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe tätig war, in den Ruhestand ging, kaufte er sich ein Fahrrad , fuhr los und fotografierte die Pflanzenwelt des Münsterlandes. Zuhause am Marderweg versah er die Abzüge der Bilder mit plattdeutschen Namen. Über Jahrzehnte entstand so eine umfangreiche Sammlung. So heißt der Löwenzahn auch Kohblome, wohl weil er oft auf Kuhweiden steht. Und Pisspöttken lautet beispielsweise der Name für die trichterförmige Ackerwinde .

„Wenn er nicht im Garten arbeitete, saß er auf der Terrasse und tippte auf der Schreibmaschine“, erinnert sich Notburga Wöstmann . „Er benutzte ein zweifarbiges Band, die plattdeutschen Namen waren immer Rot.“

Ihr Vater hat seine Sammlung nie veröffentlicht. Doch sie sollte nicht untergehen. Deshalb setzte sich Notburga Wöstmann hin und brachte „das Durcheinander“ in eine alphabetische Reihenfolge. „Es hat lange gedauert, bis ich mich getraut habe, sie jemandem zu zeigen“, sagt sie.

Doch mit dem Plattdeutsch-Experten Prof. Dr. Josef Vasthoff fand sie einen Co-Autoren, der sich für diese Sammlung begeistern konnte. „Das ist ein äußerst verdienstvoller und wesentlicher Beitrag zum Erhalt der schönen, lautmalenden plattdeutschen Pflanzennamen“, sagt Josef Vasthoff. „Die Namen sterben aus, wenn sie niemand mehr spricht.“

Notburga Wöstmann stieß auch bei Dr. Bernd Tenbergen vom münsterischen Naturkundemuseum des Landschaftsverbands auf Interesse: Jetzt ist das Verzeichnis der niederdeutschen Pflanzennamen von Ernst Wöstmann in Heft 1 des 73. Jahrgangs der Reihe „Natur und Heimat“ erschienen. Als erstes erscheint der botanische Pflanzenname, der weltweit gilt; Carl von Linné hat diese Nomenklatur im 18. Jahrhundert geschaffen. Darauf folgt der deutsche Name und anschließend der oder die niederdeutschen Pflanzennamen. Polygonatum beispielsweise, das Salomonsiegel, hat auf Niederdeutsch zwei Namen: Kriäftwuottel und Mutt mit Farken. Kriäftwuottel bedeute Kraftwurzel und rühre wohl daher, weil das Salomonsiegel gegen Erkrankungen des Bewegungsapparates verwendet worden sei, erläutert Josef Vasthoff. Und Mutt mit Farken stehe für Sau mit Ferkeln.

Etwas einfacher gestaltet sich die Übersetzung bei der Bellis perennis: Das Gänseblümchen trägt auf Platt zum Beispiel die Namen Marienblömkes (Marienblume) und Dusenschönken (Tausendschön). Und bei der Campanula, der Glockenblume, kommt das Lautmalerische des Niederdeutschen richtig zum Zug, denn die heißt dort Klockenblome. Interessierte finden in der Sammlung von Ernst Wöstmann mehrere hundert Pflanzennamen – viel Stoff zum Stöbern.

»Die Namen sterben aus, wenn sie niemand mehr spricht.«

Prof. Josef Vasthoff
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