Interview mit Mitbegründer von "No panic for organic"
Zahl der Organspender ist eingebrochen - Kollaps des Systems befürchtet

Münster -

Am 1. Juni ist „Tag der Organspende“. Doch zu feiern gibt es für die Verantwortlichen nichts. Nach dem Skandal im vergangenen Jahr ist die Zahl der Spender stark zurückgegangen. Warum, erläutert Aktivist Dieter Kemmerling.

Freitag, 31.05.2013, 07:05 Uhr

Dieter Kemmerling  ist Mitbegründer der Organspende-Initiative „No panic for organic“. Seit dem Skandal im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspenden bundesweit zurückgegangen.
Dieter Kemmerling  ist Mitbegründer der Organspende-Initiative „No panic for organic“. Seit dem Skandal im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspenden bundesweit zurückgegangen. Foto: kal

Am Samstag wird der „Tag der Organspende “ begangen. Seit dem Skandal in Kliniken in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig 2012 ist die Zahl der Spender deutlich zurückgegangen. Mit Dieter Kemmerling , Mitbegründerder münsterischen Organspende-Initiative „No panic for organic“, sprach WN-Redakteur Martin Kalitschke .

Herr Kemmerling, wie steht es aktuell um die Organspende?

Kemmerling: Die Zahlen sind sehr schlecht. Ich habe Sorge, ob das gesamte System aufrecht erhalten werden kann. Unter dem Dach von „ Eurotransplant “ sind sieben europäische Länder versammelt. In Deutschland ist die Organspender-Quote mit am niedrigsten, wir erhalten mehr Organe aus den Partnerländern, als wir abgeben. Das werden die auf Dauer nicht mitmachen.

Wie sehen die Zahlen konkret aus?

Kemmerling: In den letzten Jahren gab es im Schnitt 1250 bis 1350 Spender pro Jahr. 2013 werden es, wenn wir Glück haben, 800 sein. Die Zurückhaltung der Spender ist seit dem Skandal gestiegen – auch in Münster. An der Uniklinik gab es 2012 13 Spender, in diesem Jahr bislang gerade mal zwei.

Der Skandal, der sich in Kliniken in Süd- und Ostdeutschland ereignete, liegt doch schon Monate zurück.

Kemmerling: Aber er wirkt noch immer nach. Viele Ängste und Vorurteile wurden durch die dortigen Vorgänge bestätigt.

Was für Vorurteile?

Kemmerling: Viele Menschen befürchten, dass der Organspende-Ausweis bei Unfall oder Krankheit womöglich zu einer nicht so intensiven ärztlichen Betreuung führt – was völlig absurd ist.

Wie kann man solche Vorurteile beseitigen?

Kemmerling: Die bisherigen Werbekampagnen haben zu sehr auf Mitleid und Nächstenliebe gesetzt. Das war ein Fehler. Wir müssen völlig umdenken. Die Organ-Vergabe muss für jeden absolut verständlich und transparent dokumentiert werden. Zudem muss jedem klar sein, dass er nicht nur als Spender in Frage kommt, sondern auch als Empfänger.

Immerhin: Sie haben 500 000 Ausweise verteilt.

Kemmerling: Aber es gibt 80 Millionen Deutsche. Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben in acht Jahren nicht viel erreicht.

Welches Ziel haben Sie?

Kemmerling: Aktuell kommen auf eine Million Menschen elf Spender. 35 Spender, das wäre ein Erfolg.

Wie kann man das schaffen?

Kemmerling: Wir bräuchten eine Kampagne ähnlich wie die Aids-Kampagne. Dafür benötigt man aber ein Millionen-Budget.

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