Islam-Theologe Khorchide
„Wir wollen aufklären“

Münster -

Dem Islam-Theologen und Religionspädagogen Prof. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster, geht es um eine Interpretation des Islam, die die Lebenswirklichkeit der Gläubigen berücksichtigt. Im WN-Interview spricht er über seine nicht immer einfache Arbeit.

Samstag, 06.07.2013, 13:07 Uhr

Prof. Mouhanad Khorchide will ein zeitgemäßes Verständnis des Islam etablieren, wie er sagt.
Prof. Mouhanad Khorchide will ein zeitgemäßes Verständnis des Islam etablieren, wie er sagt. Foto: kv

An deutschen staatlichen Schulen soll es bald islamische Religionslehrer geben, die an deutschen staatlichen Hochschulen ausgebildet sind. Das ist die Aufgabe des Religionspädagogen Prof. Mouhanad Khorchide , der das Zentrum für islamische Theologie an der Universität Münster mit 200 Studierenden leitet. Glaubensstreit unter den Muslimen begleitet die Arbeit des Zentrums, während Mouhanad Khorchide in Deutschland konsequent als Botschafter eines friedlichen, toleranten Islam auftritt, wie Khorchide im Gespräch WN-Redakteurin Karin Völker betont.

Sie kommen gerade von einer Reise aus Ägypten von der Partneruniversität Al Azhar zurück. Am Sonntag haben Sie in der katholischen Dominikanerkirche in Münster die Predigt gehalten. Verstehen Sie sich als Mittler zwischen den Religionen?

Khorchide: Natürlich ist es mein Anliegen, den interreligiösen Dialog voranzutreiben. In der vergangenen Woche war ich auch vom Bundestagspräsidenten zu einem Austausch mit hochrangigen Vertretern der christlichen Kirchen und des Judentums eingeladen. Solche Termine sind sehr wichtig, aber noch wichtiger ist mir die Lehre und die wissenschaftliche Arbeit hier am Institut, also die Auseinandersetzung der Muslime mit dem Islam.

Für Ihr neues Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ haben Sie aus nichtmuslimischen Kreisen viel Beifall erhalten. Ist die Resonanz der Muslime ähnlich positiv?

Khorchide: Ja, das Buch wird in der muslimischen Welt viel diskutiert und soll jetzt ins Arabische übersetzt werden. Auch in strenggläubigen islamischen Ländern gibt es, vor allem bei jüngeren Menschen, einen großen Drang, unsere Religion zeitgemäß zu interpretieren, anders, als es dort üblich und mancherorts auch erlaubt ist. Meine Kernbotschaft lautet: Der Islam ist eine Theologie der Barmherzigkeit und nicht des Gehorsams und der Angst. Viele meiner Kollegen ermuntern uns, unsere Freiheit, die wir genießen, in diesem Sinne zu nutzen.

Aber Sie verspüren doch auch immer wieder Gegenwind aus dem eigenen, dem muslimischen Lager . . .

Khorchide: Natürlich, und ich stelle mich gerne dieser Diskussion. Es gibt kritische Stimmen, aber es gibt weitaus mehr Lob und Ermutigung. Beispielsweise auch von der Ditib, dem Dachverband der türkisch-islamischen Moschee-Gemeinden als der größten derartigen Organisation in Deutschland. Bei manchen Auseinandersetzungen geht es im Übrigen weniger um theologische Fragen, als vielmehr um Anerkennung und um machtpolitische Anliegen.

Ist das auch ein Grund dafür, dass der Beirat für das Zentrum für islamische Theologie immer noch nicht gebildet werden konnte?

Khorchide: Das mag ich nicht beurteilen. Fest steht, dass der Koordinationsrat der Muslime einen neuen Kandidaten für den achten und damit letzten Platz im Beirat benennen will und die Universität Münster dann auf die Reaktion der zuständigen Ministerien wartet. Wir sind optimistisch, dass das Verfahren zügig beendet werden wird.

In anderen Zentren für islamische Theologie an anderen deutschen Hochschulen sind bei der Beiratgründung interne Streitigkeiten nicht derart zutage getreten.

Khorchide: Es handelt sich keineswegs um interne Streitigkeiten. Die Universität Münster hat alles dafür getan, dass das Verfahren schnell über die Bühne geht. Aber wir respektieren, dass andere Beteiligte mehr Zeit brauchen. Wichtig ist uns, dass möglichst viele Gruppen der Muslime in Deutschland den Beirat schließlich unterstützen. Darauf setzen wir auch im Interesse der Studierenden, die mit ihrem großen Zulauf ihr großes Interesse an unserer Arbeit zeigen und die natürlich auf eine breite Akzeptanz für ihre künftige Arbeit als islamische Religionslehrer hoffen.

Werden die Diskussionen, um den richtigen Islam nicht auch unter Ihren Studierenden geführt?

Khorchide: Sicher. Die Vielfalt der Meinungen ist wichtig, sie hat aber auch ihre Grenzen, wo jemand die Diskussion verweigert. Wir versuchen, die Studierenden aufzuklären und zum kritischen Reflektieren zu ermutigen – aber wir respektieren andere Überzeugungen. Interessant ist übrigens, dass sich radikale Islam-Gegner und radikale Islamisten in ihrem Schwarz-Weiß-Denken und ihren Methoden sehr ähneln. Beide nehmen den Islam streng wörtlich, und zwar nur die Textstellen, die ihnen nutzen. Wir bleiben trotzdem gelassen. Den Salafisten Pierre Vogel musste ich allerdings bei Youtube anzeigen: Er hat im Internet unter meinem Namen Beiträge veröffentlicht.

Welche Moschee besuchen Sie eigentlich hier in Münster?

Khorchide: Meistens gehen wir in die Ditib-Moschee am Bahnhof, in der ich auch schon gepredigt habe. Ich halte meine Predigten auf Deutsch. Das verstehen manche, gerade jüngere Muslime in Deutschland, teilweise besser als die Türkisch sprechenden Imame, die aus ihrem Heimatland für jeweils einige Jahre entsandt werden. Die Muslime der zweiten und dritten Generation sprechen ihre Muttersprache zum Teil eher als Umgangssprache – das reicht aber meist nicht, um die Bedeutung einer Predigt zu verstehen.

Bildet das Zentrum für islamische Theologie auch Imame aus?

Khorchide: Wir planen einen Masterstudiengang „Gemeindepädagogik“, der Absolventen auch das Tätigkeitsfeld der Imame eröffnen wird. Dass Imame in Deutschland ausgebildet werden, ist ebenso wie die Ausbildung der muslimischen Religionslehrer empfehlenswert. Wir halten eine Ausbildung für wichtig, in der Studenten lernen, sich mit der Auslegung des Glaubens beschäftigen, den Koran im historischen Zusammenhang lesen und verstehen zu lernen, was er uns heute zu sagen hat, statt ihn ausschließlich wörtlich zu nehmen.

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