Verhaltensauffällige Schüler
Letzte Chance: Villa Interim

Münster -

Die Jugendlichen, die am Schürbusch im ehemaligen Gebäude der Peter-Wust-Schule unterrichtet werden, haben an keiner Regelschule mehr ein Chance. Die Kinder, die zuvor Realschulen oder Gymnasien besuchten sind derart auffällig, dass sie in einer größeren Klassengemeinschaft nicht unterrichtet werden können. Stadt und Bezirksregierung haben darum für sie die „Villa Interim“ eingerichtet.

Sonntag, 14.07.2013, 08:07 Uhr

 
  Foto: Oliver Werner

Das ist jetzt zu viel. Die Englischlehrerin wollte schon wieder was wissen, und Lars am Nebentisch hat sich schon wieder so komisch geräuspert. „Scheiße“, schreit Philipp, „Scheiß-Stift!“ Philipp schleudert den Kuli an die Wand des Klassenzimmers im Schulhaus am Schürbusch in Mecklenbeck.

Monika Averbeck , vorn an der Tafel, bleibt ganz ruhig. Von den fünf Schülern, denen sie heute hier in der zweiten Stunde Englischunterricht erteilt, hat sie zwei schon rausgeschickt. Nico hat es nicht verkraftet, vorher beim Bingo verloren zu haben; und Tim konnte es einfach nicht lassen, immer wieder sein Brötchen herauszuholen, statt das Essen bis zur Pause zu verschieben.

Jetzt übt sie mit Philipp, Lars und Mark die Konstruktion englischer Sätze. Jeder hat eine andere Aufgabe, die Jungen sind unterschiedlich alt, Philipp, der älteste, gehört eigentlich in die neunte Klasse.

Jetzt fährt er täglich nach Mecklenbeck, hier, wo die Stadt Münster zusammen mit der Bezirksregierung im nicht mehr genutzten Standort der Peter-Wust-Schule die Villa Interim eingerichtet hat. Ein Zwischenreich, Hort für den Übergang, für die meisten derjenigen, die hierher geschickt werden, so etwas sie die letzte Chance auf ein halbwegs normales Schülerleben.

Die sieben Jungen, die momentan hier unterrichtet werden, haben schon alle eine bewegte Schülerkarriere hinter sich. In den Klassen, in denen sie unterrichtet wurden, haben sie derart gestört oder konsequent geschwänzt, dass die dortigen Lehrer kapitulierten. Stark verhaltensauffälligen Jugendlichen wie Philipp, Tim, Mark, Lars, Nico, Ben und Christian, die in Wirklichkeit anders heißen, wird, so heißt es in der Fachsprache der Schulbürokratie, ein „Förderbedarf in sozialer und emotionaler Entwicklung“ attestiert. Schwer erziehbar nannte man das früher.

Für solche Schüler gibt es in Münster die Richard-von Weizsäcker-Schule. Die allerdings führt nur zum Hauptschulabschluss, und nicht wenige dieser Förderschüler besuchten Realschulen oder Gymnasien. „Sie haben einen Anspruch auf eine Ausbildung, die zu höheren Schulabschlüssen führt“, erklärt Schulrätin Gerlinde Bieker, die das Projekt zusammen mit der Stadt Münster auf den Weg gebracht hat.

Es gab anfangs mächtig Widerstand gegen die Pläne, denn was hier am Schürbusch mit hohem Aufwand betrieben wird, passt nicht zum Anspruch der Inklusion. Inzwischen, nach knapp zwei Jahren, sehen münsterische Schulpolitiker und auch Pädagogen das Projekt positiv. Denn damit Kinder wie Philipp überhaupt wieder zurück in ihre alte „normale“ Klasse finden können, brauchen sie die Hilfe der Villa Interim, sagt Norbert Hartmann .

Er ist der Leiter der Schule, zu deren Gründung sich die Stadt entschloss, damit intelligente, stark verhaltensauffällige Jugendliche nicht weit weg von Münster in besondere Internate verschickt werden müssen. Auch dafür müsste die Stadt zahlen, denn sie muss gesetzlich für jeden ein angemessenes Schulangebot bereitstellen. „Die Betreuung in auswärtigen Spezialeinrichtungen hätte gar nichts mit Inklusion zu tun und käme noch viel teurer“, argumentiert die städtische Schuldezernentin Dr. Andrea Hanke.

Zehn Kinder, alle Jungen, haben bisher die Villa Interim durchlaufen. Maximal ein halbes Jahr erhalten sie hier Unterricht, spätestens dann wird begonnen, sie wieder schrittweise in ihre alten Schulen zurückzuführen. Vier der Jungen haben die Rückkehr in die alte Gemeinschaft geschafft. Für andere führt der Weg tatsächlich in besondere Einrichtungen.

Im Lehrerzimmer hängt ein Zettel mit der Telefonnummer der Polizei gut sichtbar an der Wand. Das ist mehr als eine bloße Vorsichtsmaßnahme. Wenn es hart auf hart kommt, und Schüler schlimm ausrasten, wird die Polizei eingeschaltet. Norbert Hartmann sieht es nicht als seine Aufgabe an, die Jugendlichen körperlich zu bändigen. „Wir sind Lehrer, nicht JVA-Beamte“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ohne Herz für die Kinder kann man das nicht machen.“

Im Klassenzimmer in der ersten Etage steht ein Hundekorb. Er gehört Foster, dem Mischlingsrüden von Felix Zimmer. Zimmer ist Sozialpädagoge und „Fallscout“ der Villa Interim. Er kennt die persönlichen Geschichten der Jugendlichen sehr genau, hält Kontakt zu Familien, Jugendhilfe, Psychologen und den Herkunftsschulen. Zimmer bietet auch Boxtraining in der Villa Interim an. „Dabei können sich die Jungs gut abreagieren“, sagt er.

Sein Hund ist mittlerweile fester Teil des Betreuungsteams. Wenn Foster kommt, lassen die Aggressionen nach, der Anreiz, ihn Gassi führen zu dürfen, bringt den Schulverweigerer Tim dazu, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen.

Tims Eltern sind wie die Mütter und Väter der meisten Jugendlichen getrennt. Die Beziehungsproblematik der Eltern und daraus erwachsende Schwierigkeiten in der Familie seien bei einem Großteil der Jugendlichen ein wesentlicher Grund für die schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten, glaubt Norbert Hartmann.

Die Englischstunde bei Monika Averbeck ist zu Ende. Tim und Nico kommen zurück in den Klassenraum. Sie haben sich draußen mit Papierkügelchen beworfen, später waren sie ruhig genug, mit Norbert Hartmann in einem anderen Raum englische Vokabeln zu üben. Für jede Unterrichtsstunde bekommt jeder Junge eine Punkte-Bewertung, in Absprache mit den Lehrern. In der Villa Interim herrschen sehr feste Regeln und wer den Unterricht stört, erlebt null Toleranz, wird sofort herausgeschickt.

Philipp bekommt am Ende sogar Lob, er hat seine Sache trotz Maulens und Wutausbruch gar nicht so schlecht gemacht. In der nächsten Woche soll er teilweise wieder am Unterricht der Klasse seiner Realschule teilnehmen, sagt ihm Norbert Hartmann. „Ach Mann!“ Philipp ist enttäuscht, zeigt so aber auch, dass er gar nicht so ungern in der Villa Interim ist. „Hier haben die Jugendlichen noch mal die Chance, Schule anders zu erleben“, sagt Norbert Hartmann später im Lehrerzimmer. Philipp wird sie hoffentlich nutzen.

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