Interview mit Prof. Hans Schöler
Care-Institut scheitert: „Ein Verlust für Münster“

Münster -

Nach der Absage der Landesregierung reagierte der „Vater“ von „Care“, Stammzellforscher Prof. Hans Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, schwer enttäuscht. Mit WN-Redakteurin Karin Völker sprach Schöler über die Hintergründe.

Samstag, 19.10.2013, 11:10 Uhr

Prof. Hans Schöler  hält das Projekt Care weiterhin für ein erfolgreiches Modell. Er will nun in anderen Bundesländern für die Idee werben. 
Prof. Hans Schöler  hält das Projekt Care weiterhin für ein erfolgreiches Modell. Er will nun in anderen Bundesländern für die Idee werben.  Foto: Matthias Ahlke

Es war die große Hoffnung für Münster als Standort von Zukunftstechnologien. Nun wird das Care-Institut („Center for Advanced Regenerative Engineering“) für Arzneimittelforschung doch nicht hier arbeiten. Nach der Absage der Landesregierung (WN, 17.10.) reagierte der „Vater“ von „Care“, Stammzellforscher Prof. Hans Schöler , Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, schwer enttäuscht. Mit WN-Redakteurin Karin Völker sprach Schöler über die Hintergründe.

War nach der langwierigen Vorgeschichte von Care dieser Ausgang wirklich nicht vorherzusehen?

Schöler: Nachdem Care es in den Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung geschafft hatte, war ich zuversichtlich, dass das Projekt in NRW gewollt ist. Noch vor sechs Wochen waren Mitglieder des Forschungsausschusses des Landtages bei uns im Institut. Sie schienen sehr beeindruckt, und ich hatte keinen Grund zu vermuten, dass es noch Schwierigkeiten gibt.

Auch im Haushalt standen ja die Mittel . . .

Schöler: Ja sicher! Was ich aber nicht verstehe ist, dass wir trotz der Verankerung im Koalitionspapier anhand eines Antrags Care als Geschäftsmodell darlegen sollten. Eine letzte Sicherheit, wie die wirtschaftliche Entwicklung in zehn Jahren verlaufen wird, ist doch bei wissenschaftlichen Innovationen gar nicht vorhersagbar. Daher war ich froh, dass die Wirtschaftsförderung der Stadt diese Zuversicht hatte und den Geschäftsteil ausgearbeitet hat. Das war wirklich nötig, weil uns vom Ministerium immer wieder gesagt wurde, dass Care nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn wir so vorgehen. Ich selber bin für die Wissenschaft verantwortlich, wäre dazu gar nicht in der Lage gewesen, wollte aber eben Care nicht riskieren.

Sie und auch die Technologieförderung der Stadt haben immer wieder davon gesprochen, dass es großes, ganz konkretes Interesse in der Pharmaindustrie gibt. War das zu wenig Erfolgsgarantie?

Schöler: Es gab viel Interesse. Ein großes, internationales Unternehmen hatte sich in Münster sogar schon Grundstücke angesehen, um sich hier anzusiedeln. Manche zeigten auch weiterhin Interesse, aber die meisten Firmen wollten, dass wir uns wieder melden, wenn es Care gibt. Ich war trotzdem sicher, dass es letztendlich klappt.

Sie hatten keine Ahnung, dass das Land seine Zusagen zurückzieht?

Schöler: Es hat mich die Art, wie jetzt das Ende von Seiten des Landes kommuniziert wurde, auch persönlich getroffen. Ich war mit der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Seoul, als mich die Nachricht erreichte, dass die Förderung doch nicht kommt. Ich konnte nicht zu einem Gespräch ins Ministerium kommen und habe darum gebeten, auf meine Rückkehr zu warten und nicht vorher eine Pressemitteilung zu erstellen. Ich hätte sehr gerne zuerst vom Ministerium gehört, warum es zur Ablehnung von Care gekommen ist. Somit ist tatsächlich eine Menge Porzellan zerschlagen.

Ist das Porzellan wirklich endgültig in Scherben?

Schöler: Für NRW und Münster ist Care nicht mehr realisierbar. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie traurig mich das stimmt. Ich wollte das Projekt für Münster und für NRW umsetzen, nachdem ich hier nach meiner Rückkehr aus den USA vor zehn Jahren so großartig empfangen worden bin. Das hat mir und meinen Mitarbeitern gleichsam Flügel verliehen.

Empfinden Sie die Absage als persönlichen Verlust?

Schöler: Für mich ist sehr wichtig, Folgendes klarzustellen: Vor etwa sieben Jahren ist die damalige Landesregierung auf mich zugekommen und hat gefragt, ob es innovative Zukunftsprojekte gibt, die NRW voranbringen könnte. Da habe ich Care in die Diskussion gebracht, weil NRW auf diesem Gebiet der Medikamentenentwicklung weltweit eine Führungsposition einnehmen könnte. Ich habe regelrecht darauf gebrannt, dem Land etwas zurückzugeben und habe daher sehr viel Arbeit investiert. Meine Frau kann davon ein Lied singen. Diese Absage ist aber für mich kein persönlicher Verlust: Ich habe wunderbare Arbeitsmöglichkeiten am hiesigen Max-Planck-Institut und arbeite weltweit mit den besten Laboren zusammen. In Südkorea wird man mir eine weitere Ehrenprofessur verleihen. Das Scheitern ist zwar kein Verlust für mich, wohl aber für NRW und Münster und vor allen Dingen für Patienten. Möglicherweise für Patienten, die an Parkinson leiden, vielleicht für andere. Wir werden es zumindest nicht in Münster herausfinden. Zumal die Mitarbeiter, die bei Care mitarbeiten wollten, sich jetzt wohl woanders hin orientieren werden.

Hat Care jetzt an anderen Standorten noch eine Chance?

Schöler: Es haben sich schon früher andere Bundesländer interessiert. Ich weiß nach dieser Erfahrung allerdings: Ich treibe dieses Projekt nicht mehr voran, wenn ein Geschäftsmodell die Voraussetzung für die Förderung wäre. Care ist ein Forschungsinstitut mit wirtschaftlichem Potenzial. Der Wissenschaftsrat hat übrigens die Förderung solcher Institute dem Staat dringend ans Herz gelegt. Es wäre schön, wenn nun ein anderes Bundesland das große Potenzial eines Care sieht.

Sie sind in Ihre Heimat zurückgekommen, nachdem Sie in den USA lange erfolgreich gearbeitet haben. Bereuen Sie nach der Erfahrung mit Care diesen Schritt?

Schöler: Nein, gar nicht. Ich bereue höchstens gelegentlich, dass Münster nicht in Bayern oder Sachsen liegt. Nein, ich will nicht mehr aus Münster weggehen, ich liebe die Stadt und will hier alt werden. Enttäuscht bin ich allein vom Innovationsministerium.

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