Interview nach der Begegnung mit dem Bundespräsidenten
Islam-Theologe Khorchide verspürt nach Gauck-Besuch Rückenwind

Münster -

Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, Prof. Mouhanad Khorchide, fühlt sich durch den Besuch des Bundespräsidenten gestärkt. Er ist optimistisch, dass jetzt endlich die Streitigkeiten um die Gründung eines Beirats für das Zentrum beigelegt werden können.

Samstag, 30.11.2013, 09:11 Uhr

Im Gespräch: Bundespräsident Joachim Gauck und der Leiter des Zentrums für islamische Theologie, Prof. Mouhanad Khorchide
Im Gespräch: Bundespräsident Joachim Gauck und der Leiter des Zentrums für islamische Theologie, Prof. Mouhanad Khorchide Foto: Jürgen Peperhowe

Der Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Münster hat der Universität mit ihrem Zentrum für islamische Theologie bundesweit viel Aufmerksamkeit eingebracht. Im Vorfeld war der Leiter des Zentrums, Prof. Mouhanad Khorchide , ins Visier der Kritik islamischer Religionsgemeinschaften in Deutschland geraten und wegen seiner theologischen Haltung angegriffen worden. WN-Redakteurin Karin Völker sprach mit dem islamischen Theologen, wie es mit der Arbeit an dem Zentrum und der Integration des Islam in Deutschland weitergeht.

Der Bundespräsident hat in seiner Ansprache im Schloss der Universität und später im Friedenssaal Ihrer Arbeit sehr den Rücken gestärkt. Haben Sie mit einer so deutlichen Unterstützung gerechnet?

Khorchide: Es war schon vorher klar, dass der Bundespräsident mit seinem Besuch das Thema Islam in Deutschland würdigen möchte, auch dass er den Islam generell als Bereicherung sieht. Ich durfte auch annehmen, dass er unsere Arbeit hier an der Universität Münster für sinnvoll erachtet. Die Stellungnahme in ihrer Deutlichkeit hat mich dann aber doch positiv überrascht. Es hat mir besonders gefallen, dass er an den respektvollen Umgang der Religionen und Religionsgruppen untereinander appelliert hat.

Gab es an dem Besuchstag des Präsidenten für Sie einen ganz persönlichen Höhepunkt?

Khorchide: Der ganze Tag war ein einziger Höhepunkt. Besonders beeindruckend war es für mich, den Bundespräsidenten als Menschen mit einer wunderbaren Ausstrahlung kennengelernt zu haben. Er ist eine väterliche Figur mit viel Herzenswärme. Da waren so kleine Gesten: ein Lächeln, eine kleine, leise Bemerkung am Rande der Veranstaltungen. Ich fand es beeindruckend, wie er gleichzeitig ein sehr würdiges Staatsoberhaupt darstellt und dabei ganz natürlich bleibt.

Es gibt ja bundesweit mehrere Zentren für islamische Theologie. Warum ist der Bundespräsident ausgerechnet nach Münster gekommen?

Khorchide: Der Bundespräsident hatte mich Anfang dieses Jahres schon einmal nach Berlin eingeladen, wollte sich über unsere Arbeit informieren. Wir haben damals sehr interessant theologisch diskutiert. Es gefiel ihm, dass es uns nicht darum geht, eine Sichtweise des Glaubens aufzusetzen, so etwas wie einen Staats-Islam oder hier eben einen Euro-Islam zu begründen, sondern dass in meiner Sichtweise der Religion der Dialog zwischen Gott und dem Menschen im Vordergrund steht und an theologische Positionen innerhalb der islamischen Traditionen anknüpft. Dabei soll diese für unseren heutigen europäischen Kontext fruchtbar gemacht werden.

Ist Joachim Gauck vielleicht auch gerade deswegen nach Münster gekommen, weil sich an Ihrer Person und Ihrem Islam-Verständnis in letzter Zeit viele öffentliche Debatten entzündet haben?

Khorchide: Das weiß ich nicht. Ich habe mich natürlich sehr gefreut, als er gesagt hat, dass man Diskussionen um religiöse Fragen aushalten muss und dabei gelassen und respektvoll bleiben soll.

Ausdruck des Streits unter den muslimischen Gruppen ist die Tatsache, dass das Zentrum für islamische Theologie immer noch keinen Beirat hat, der viele wichtige Entscheidungen trifft. Hat der Bundespräsident einen Impuls gegeben, dass die Angelegenheit in Gang kommt?

Khorchide: Das hoffe ich sehr. Wir haben ja bald alle Mitglieder des Beirats beisammen, und er soll sich im Dezember, spätestens Anfang Januar konstituieren. Die Gruppierungen sollen sich nicht als Gegner, sondern als Partner begreifen. Die Leidtragenden dieser Streitigkeiten sind die Studierenden am Zentrum. Für vieles, wie die unbefristete Einstellung der Professoren, ist die Zustimmung des Beirats notwendig.

Unter den Studenten des Zentrums werden die Debatten um die Interpretation der Religion ja auch geführt. Ist das nicht schwierig für Ihre Arbeit?

Khorchide: Im Gegenteil: Debatten über verschiedene Sichtweisen sind notwendig im Studium. Das ist in den christlichen Theologien nicht anders. Es ist wichtig, dass die Argumente nicht aus dem Bauch heraus ausgetauscht werden oder aufgrund oberflächlicher Sichtweise, sondern dass wir uns wissenschaftlich-theologisch mit den Fragen auseinandersetzen. Ich freue mich darüber, dass ich viele positive Rückmeldungen von Muslimen bekomme, die mir Mut machen.

Sie sammeln seit einem Jahr Geld für eine Moschee auf dem Universitätsgelände. Wie weit sind die Pläne gediehen?

Khorchide: Noch nicht viel weiter als vor einem Jahr. Es sind einige kleine Spenden eingegangen, aber das Geld reicht noch lange nicht. Die vergangenen Monate waren ziemlich arbeitsintensiv, vor allem, weil wir über 200 neue Studenten bekommen haben. Ich habe vor, gezielt Stiftungen anzusprechen, ob sie die Moschee unterstützen wollen.

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